Glosse: Fly and Die

Fly and Die

Das moderne Leben ist ein Zeitfresser. Beruf, Beziehung, Begräbnis (ich bitte diese Listung und Reihenfolge nicht kausal aufzufassen) sind schon lange auf die Sekunde durchgetaktet, die ehemals jeweils damit verknüpften Begriffe Selbstverwirklichung, entspannte Zweisamkeit und gefühlvolles Ausweinen kommen nur noch im Altenheim vor. Kein Wunder, dass auch unsere Sprache durchrationalisiert wird – wer hat denn noch Zeit, ganze und auch noch mehrere Sätze zu sprechen, geschweige denn, sie sich anzuhören.

Weil Sprache, gar vielfältige, den Geist anregende und zuweilen deswegen auch anstrengende aber eine Funktion erfüllt, haben die doch ewig kreativen, vermutlich weil in Beruf, Beziehung und Begräbnis vom Zeitfresser zumindest bislang verschont gebliebenen Werbemenschen klammheimlich damit begonnen, lange Geschichten auf das Brutalste zu verkürzen. Nehmen wir zum Beispiel den ehemals von Genuss geprägten Gast eines Flugzeuges und seine dramaturgisch kunstvoll aufgebaute und langsam die Spannung steigernde Geschichte, wie er vor seinem mit großer Spannung und Vorfreude erwarteten Internkontinental-Flug noch bei einem entspannten Schlendern das anregend drapierte und womöglich noch exklusive Angebot des Duty Free Shops genossen und dann tatsächlich noch zwei Flacons, natürlich zu einem deutlich reduzierten Preis erstanden hat. Die Werbefuzzis kennen da kein Erbarmen und bescheren uns: fly and buy. Oder die romantischen und zu Tränen rührenden Geschichten von herzzerreißenden Abschieden und Trägödien mobilen Lebens, die ja ganz banal mit dem Kauf einer Fahrkarte begonnen und dann in einem großen seelischen Schmerz an den Bahnhöfen geendet haben, und von denen auch nun nicht mehr als drei schnöde und ebenfalls fremdsprachliche Worte geblieben sind: kiss and ride. Zu mehr als einem solchen profanen Aufruf per Schild, hat sich die Deutsche Bahn an ihrem, doch immerhin milliardenteuren Haupstadtbahnhof, nicht hinreißen lassen.

Keine Frage: Diese und andere Geschichten-Verkürzer haben sich durchgesetzt. Und, ich gestehe, nach einer Phase des Widerstands gegen diese Rationalisierung der deutschen Sprache, finde ich nun einen gewissen Gefallen an diesen Wort- und Werbedopplern, kurz WWD´s (klingt das nicht klasse?). Zu einem, wie ich einschätze, genau richtigen Zeitpunkt, denn die Werbefuzzis scheinen sich anderen Sprach-Brutalitäten zugewendet zu haben; liegen doch die letzten bla-und-da-Neuerscheinungen schon eine Weile zurück. Gut, da gibt es einige aktuelle und selbst kreierte Versuche auf regionaler Ebene: „Come in and druck out“ schreibt ein Copyshop in Kiel an seine Hauswand. Kein klassischer Werbedoppler. Klingt zudem ein bisschen gestolpert; der Mann sollte lieber weiterhin kopieren statt zu kreieren. Über diesen Tipp für den Kieler Drucker hinausgehend erlaube ich mir, auf textlich fremden Pfaden zu wandeln und selber einige Vorschläge für  lebensbejahende WWDs zu unterbreiten:

Dem Verband deutscher Backwarenhersteller, dessen Existenz ich zwar nicht per Google überprüft habe, von dem ich aber sicher bin, dass es ihn gibt, denn wenn zwei Menschen in Deutschland den gleichen Beruf, das gleiche Hobby oder die gleiche Macke haben, dann gibt es auch einen entsprechenden Verband, möchte ich antragen, die morgendlich-verschlafene Muffelstimmung im Bäckerladen zu bekämpfen – mit back und schnack. Ein lebenslustiger WWD, der sowohl die dort Backtätigen, also die, die die (da bin ich von der belebenden Wirkung dieser Wortkreation gleich beeindruckt: ein dreifach die) vorgefertigten Fabrikbrötchen absolut art- und handwerksgerecht in die automatischen Öfen schieben und durch den leckeren Duft den Eindruck einer meisterlichen Bäckerarbeit mit mindestens 30-jähriger Berufserfahrung erwecken, als auch die Kunden, also die, die verschnarcht-muffelig in der Schlange stehen, frisch und knackig aus den Puschen haut.

Ein WWD, speziell für Fußballer, aber nach meiner Einschätzung nicht zwingend notwendig, weil er nicht wirklich neue Gewohnheiten mit sich bringt, der aber das Gewohnte in neuer Lust und Leidenschaft erleben lässt, wäre kick and fick. Aber, wie gesagt, es würde mich überraschen wenn ich damit allzu viele Ballzauberer auf eine neue Idee der post- ballerischen Phase brächte. Und wo wir beim Thema sind: Das Beziehungsverhalten männlicher, und hier vor allem junger und auch sportlich ambitionierter Singles gegenüber dem zunächst willigen, dann hoffenden und schließlich enttäuschten und verständnislosen weiblichen Geschlecht, bislang mit einem inzwischen altbacken klingenden ex und hopp, lässt sich mit einem modernen fun and run zu einem hippen Trend erklären und vielleicht sogar rechtfertigen.

Die Lufthansa könnte mit einem knackigen Werbedoppler an ihrem inzwischen vielleicht doch ebenfalls etwas verstaubten Image arbeiten: fly and die erweckt den Eindruck, als könne ein an sich simpler und langweiliger Flug von Hamburg nach München ein überraschendes, vorzeitiges und damit abenteuerliches Ende in der Rheinischen Tiefebene finden.

Auch am Boden helfen kreative Wortpaare dem stupiden Reisealltag auf die Sprünge. Das inzwischen auf das Sortiment eines Kaufhauses angewachsene Warenangebot bundesdeutscher Tankstellen könnte dank eines auffordernden tank und zank zu spontanen Beziehungs- und Familiendramen führen: Er will los, sie hängt aber noch am Schuhregal; der Junior weigert sich, die Weiterfahrt im urlaubsbeladenen Kleinwagen ohne das gerade zum sensationellen Tiefpreis angebotene Mountainbike anzutreten.

Allerdings sollte der Ehrlichkeit darauf hingewiesen werden, dass tank und zank erstens schnell eingeführt werden sollte und zweitens selbst dann ein kurzes Verfallsdatum hätte; ist es doch nur noch eine Frage der Zeit, bis die dreistelligen Felder an den Preistafeln der Tankstellen für die Anzeige des aktuellen Benzinpreises nicht mehr ausreichen. tank und zank wird natürlich auch dann noch zur zunehmend gespannter werdenden Atmosphäre in den Tankstellen passen, aber treffender auf den Punkt brächte es dann dieser, dann finale Werbedoppler: tank und blank.

 

Schluss mit Stuss.