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Interview: Dr. Edwin Krupp

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„Ohne die Erkenntnisse der Astronomie könnten wir nicht überleben“
Interview mit Dr. Edwin C. Krupp, Direktor des Griffith Observatorium in Los Angeles

Stefan Korol, Februar 2017, Los Angeles

Erstaunlich, dass man bei so einem Ausblick aus dem Büro arbeiten kann… Foto: Stefan Korol

Frage: Herr Dr. Krupp, was genau ist das Griffith-Observatorium?

Krupp: Das Griffith Observatorium ist ein öffentliches Observatorium und kein Forschungs-Observatorium. Das Besondere daran: Es war von Anfang an ein öffentliches Observatorium, schon von der Idee her. Und es ist kein ehemaliges Forschungs-Observatorium, das jetzt für Besucher freigegeben ist. Ein Observatorium für die Öffentlichkeit, für Laien, für alle – das ist die Idee des Gründers gewesen, Colonel Griffith, der der Stadt Los Angeles vor rund 100 Jahren dieses Gelände hier und das Geld für den Bau des Observatoriums gespendet hat. Griffith war selber Laie, er hatte eine Menge Geld im Bergbau gemacht. Und irgendwann einmal hatte er Gelegenheit, auf dem Mount Wilson, ungefähr 20 Kilometer von hier, durch das damals größte Teleskop der Welt zu schauen. Und dieses Erlebnis hat ihn so fasziniert, dass er die Idee hatte, möglichst vielen Menschen eine solche Chance, ein solches Erlebnis zu ermöglichen.

Heute würden wir sagen, na ja, ist eine gute Idee und ziemlich verständlich. Aber zu Griffith Zeiten, Ende des 18. Jahrhunderts, war das revolutionär. Es ging Griffith aber um mehr, als nur um die reine Astromie. Er selber hatte erlebt, dass ihn der Blick durch das Teleskop in seinem Denken verändert hat. Und er war der Meinung, dass ein solcher Blick, eine solcher Weitblick über das Sichtbare hinaus auch andere Menschen und damit die Welt verändern würde.

Und das ist die Grundidee des Griffith, darauf basiert unsere gesamte Arbeit: Ja, wir zeigen auf, wie Erde, Sonne und Mond miteinander verbinden sind, wir erweitern den Horizont unserer Besucher durch den Blick in andere Universen. Aber vor allem wollen wir, dass diese Horizont-Erweiterung bei unseren Besuchern sich auf ihr Denken insgesamt auswirkt.

Dr. Edwin Krupp ist seit mehr als 30 Jahren Direktor des Griffith

Frage: Wenn Sie mich als Sponsor, als Geldgeber für das Griffith gewinnen wollen, mit welchen Argumenten würden Sie das versuchen?

Krupp: Zunächst einmal würde ich Ihnen sagen, dass Ihr Geld deswegen wichtig ist, weil es kein öffentliches Geld ist, kein Steuergeld, das von der Stadt Los Angeles kommt. Denn Griffith hat seine Spende an die Stadt an eine Bedingung geknüpft: Der Zugang zum neuen Observatorium muss immer kostenlos sein. Um diese Bedingung zu erfüllen, sind wir auf Spenden angewiesen. Das hat zu einem kritischen Moment geführt, Anfang 2000, als es einfach offensichtlich war, dass das Gebäude und seine Technik renoviert werden mussten. Die Stadt Los Angeles hätte diese Renovierung nicht allein zahlen können, also haben wir eine Art Privat-Public-Partnership entwickelt, durch die wir die erforderliche Summe, knapp 100 Millionen Euro, zusammen bekommen und das Observatorium von Grund auf erneuert haben. Wir bekommen inzwischen Unterstützung von sehr vielen Stellen: Staat, Stadt, Unternehmen, Stiftunge, Privatleute.

Und das zweite Argument, dass Sie mir Geld geben hat nichts mit mir, sondern mit Ihnen zu tun: Sie glauben an die Idee von Griffith; sie teilen seine Meinung, dass Menschen durch den Blick durch ein Teleskop ihren Horizont erweitern, dass sich ihre Einstellung und dass sich dadurch unsere Welt verändert.

 

Frage: Toll. Verraten Sie uns, wie Sie es schaffen, so viele Unterstützer zu gewinnen.

Krupp: Das ist in erster Linie nicht mein, nicht unser Verdienst. Es ist – dieser Platz hier. Dieser Ort hier ist Kult. Das Observatorium überblickt die gesamte Stadt und es ist fast von überall in Los Angeles aus zu sehen. Es ist ein Anker in dieser riesigen Stadt. Jeder liebt diesen Ort, jeder kümmert sich darum. Und jeder, der Geld gibt, fühlt sich ein bisschen als Eigentümer dieses Platzes. Aber nicht im Sinne von „besitzen“, sondern im Sinne von „kümmern“: Ich trage dazu bei, dass es diesen Platz und dieses Gefühl auch weiterhin gibt.

 

Frage: Wie sieht ihr pädagogisches Programm aus, was lehren Sie, was lernen die Besucher?

Krupp: Von: „Griffith steht im Studenplan“, also Schulklassen kommen her und Griffith ist Teil des Lehrplans. Bis:  Besucher verlassen diesen Platz reicher: Wissen, Meinung, Verständnis, offener. Aber ich möchte Ihre Frage noch ein bisschen erweitern: Wenn Sie mich fragen, warum soll ich Geld geben? könnte die nächste Frage ja lauten: Warum brauchen wir überhaupt die Astronomie? Und auch hier ist meine Antwort zweigteilt, aber der erste Teil ist kurz: Klar, Astronomie kann einfach nur schön sein, wir kennen und lieben alle diese eindrucksvollen Bilder vom Mond, vom Weltall. Aber viel wichtiger als diese Schönheit ist die Funktion von Astronomie: Sie lässt uns in die Vergangenheit gucken, sie gibt Antworten wo wir herkommen. Und gleichzeitig treibt sie unser Gehirn an, weil sie eben auch viele Fragen aufwirft, Fragen, auf die wir ohne die Astronomie nicht gekommen wären. Und um diese Fragen beantworten zu können, brauchen wir ein Werkzeug: Die möglichst genaue Beschreibung von dem was wir sehen. Und diese exakte Beschreibung der Natur ist eine Voraussetzung dafür, dass wir es überhaupt bis ins Jetzt geschafft haben. Wenn wir und nicht in einer exakten Art und Weise mit der Natur auseinandersetzen – würden wir nicht überleben.

 

Frage: Also, etwas übertrieben formuliert: Wenn ich das Griffith unterstütze – sichere ich mein Überleben?

Krupp: Absolut. Das sehe ich so, und ich sehe Ihre Frage auch gar nicht als Übertreibung. Wir leben zwar in einer sehr komplizierten Welt, aber wenn wir es mal puristisch sehen: Es geht um Kraft, es geht um Aufmerksamkeit. Das ist Natur, das sind die Dinge, die unser Überleben sichern. Und deswegen behaupte ich: Dieser Ort, dieses Gebäude könnte nicht überleben, wenn es nicht fürs Überleben der Menschen, unserer Besucher, nötig wäre.

 

Frage: Wissenschaft, aber auch Journalismus hat ja oft mit einem Konflikt zu kämpfen: Auf der einen Seite möglichst genau und vollständig zu sein, und auf der anderen Seite Wissen unterhaltsam zu vermitteln. Wie gehen Sie mit diesem Konflikt um?

Krupp: Ich sehe diese Konflikt nicht. Vielleicht weil es in meiner Kindheit diese Vielfallt an Medien und damit diese Unterscheidung noch nicht gab. Ich hatte Bücher. Und dann kamen Schallplatten. Meine erste Schallplatte war Perry Como: Catch a fallin star. Dann habe ich die ersten Science fiction Bücher gelesen, mit Zeichnungen aus und über die Zukunft. Und in allen diesen drei Fällen ging es um Wissen. Und ich habe diesen Prozeß der Wissen-Aneignung als unterhaltsam empfunden. Wir alle mögen Unterhaltung. Spiele, Geschichten. Wenn diese Dinge für uns nicht wären – würden wir sie nicht tun. Das regt unsere Fanatasie an. Natürlich: Wenn Sie forschen, dann geht das nur mit Exaktheit, mit Disziplin. Sonst bekommen Sie keine validen Ergebnisse. Handwerk, Kunst und Beharrlichkeit um zu einem Ergebnis zu kommen, mit dem wir als Team zufrieden sind. Und auch unsere Besucher.

 

Frage: Sie haben fast ihr gesamtes Leben diesem Observatorium gewidmet. Welche Art der Gegenleistung, welche Reaktionen von den Besuchern erwarten Sie, was macht Sie zufrieden?

Krupp: Ich bin da sehr vorsichtig mit persönlicher Betrachtung, weil es ja alles sehr subjektiv ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben hier eine Ausstellung, 50 Meter lang. Sie soll die Besucher im Wesentlichen durch das Observatorium führen. Mir geht es um das Publikum, um die Menschen die hierher kommen. Wenn ich sehe, dass sie sich angesprochen fühlen, dass sie in die Ausstellungen gehen, stehenbleiben, lesen, sich unterhalten – dann ist bin ich zufrieden.

 

Frage: Stellen Sie sich eine klare Wüstennacht vor. Sie schauen in den Himmel. Verstehen Sie, was Sie sehen, rational?

Krupp: Ja, rational verstehe ich das, ich kann mir alles erklären, was ich da sehe. Ich mache das ja seit Jahrzehnten. Ich kann zwar nicht alles sehen, aber ich kann es mir vorstellen, weil ich ja das nicht Sichtbare von meinen Blicken durchs Teleskop kenne, im Kopf habe. Aber dann wird es auch für mich schwierig, denn ich weiß ja, dass sich hinter dieser Galaxie noch eine weitere befindet, und dahinter noch eine, noch eine und immer noch eine. Das ist schon schwierig sich vorzustellen und zu verstehen. Oder die Tatsache, dass das gesamte Bild da oben – nicht die Realität ist. Denn was ich sehe, ist ja nur das Licht von Sternen. Die es aber in diesem Moment vielleicht schon gar nicht mehr gibt. Es sind, bildlich ausgedrückt, nur Ansichtskarten von Plätzen, die es aber vielleicht gar nicht mehr gibt. Ich sehe etwas, in diesem Moment, real. Und es ist nicht die Wahrheit, sondern es ist, astronomisch gesprochen, der Blick darauf, wie der Kosmos funktioniert. Und das ist dann die Grundfrage der Astronomie: Wie funktioniert das alles, wie hängt es zusammen? Und das sind Frage, die haben sich alle unsere Vorfahren gestellt, in jedem Zeitalter, in jeder Generation. Der Unterschied zu heute ist, dass wir auf diese Fragen mehr Antworten haben als früher. Aber auch hier müssen wir vorsichitg sein und sagen: Wir haben auf eine sehr eng fokussierte Frage eine Antwort. Die kann sich aber morgen schon als falsch erweisen. Wir dürfen nicht generalisieren, nichts als „endgültig beantwortet“ betrachten.

 

Frage: Passiert es auch, dass der Blick in den nächtlichen Sternenhimmel sie gefühlsmäßig davon trägt?

Krupp: Eher nicht. Ich habe hier im Observatorium schon als Student gearbeitet, im Planetarium. Und durch diese Arbeit, durch diese ständige Anwesenheit unter dem Sternenhimmel, auch wenn es nur ein künstlicher war, habe ich mich sehr daran gewöhnt. Und auch wenn der echte Sternenhimmel natürlich viel größer, ergreifender, lebendiger ist, bleibt dieser Gedanke: Okay, ich weiß genau, was ich hier sehe. Und dieses Wissen, seit Jahrzehnten in meinem Kopf verankert, kann ich eben nicht einfach abschütteln. Aber natürlich gibt es Erlebnisse, die mich auch emotional bewegen: Ich war in Botswana, im Okawango-Delta, in einem dieser Öko-Camps, und da bin ich abends noch einmal raus gegangen. Und, südliche Hemisphäre, der Große Wagen stand sehr tief am Himmel und spiegelte sich in einem der Flussarme. Es war absolut windstill und das Wasser spiegelglatt. Und ich sehe den großen Wagen – zwei Mal. Ich hatte noch nie gesehen, dass sich Sterne im Wasser spiegeln. Und, ja, dieser Anblick, dieses Erlebnis hat mich sehr berührt. Und ich hatte überhaupt nicht den Gedanken: Na ja, Lichter spiegeln sich im Wasser, ist doch logisch. Sondern ich stand da für Minuten, wie gebabbt, weil ich das zum ersten Mal erlebt habe, dass die Sterne die Erde berühren.

 

Frage: Der Film La La Land hat sechs Oscars abgeräumt; einige Szenen sind ja auch hier oben gedreht worden. Wäre es nicht an der Zeit, dass es auch mal einen Oscar gibt für den besten Drehort gibt – und das Griffith gleich den ersten gewinnt?

Krupp: Ja, gute Idee, Sie können das ja mal der Academy vorschlagen. La La Land setzt da ja eine Tradition fort. Seit „Denn sie wissen nicht was sie tun“, 1955, hat das Observatorium in mehr als einem Dutzend Film mitgespielt. Da könnte doch das Griffith doch vielleicht bei der nächsten Produktion als „Bester Nebendarsteller“ nominiert werden. Oder wenigstens einen Stern auf dem Hollywood Boulevard bekommen. Da würden unsere Sterne am Himmel dann wahrscheinlich ziemlich neidisch runtergucken.

 

Mehr Griffith-Fotos hier: http://stefankorol.de/la-observatorium

Glosse: Mein Zahnarzt baut

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Glosse: Mein Zahnarzt baut

Ich habe meinen Zahnarzt verloren. Über Jahre hatten wir ein wunderbares Verhältnis, eine wunderbare Geben-und-Nehmen-Beziehung: Ich mache den Mund auf, er sagt „alles in Ordnung“, wir plaudern über dies und das, er schickt eine kleine Rechnung, ich zahle. Was für eine Harmonie und Zufriedenheit. Dann – eines Tages: Ich sitze wieder in seinem Stuhl, ganz entspannt, ich brauche ja nichts zu befürchten. Mund auf, Zahnarzt rein. Der kommt gar nicht wieder raus. Schließlich ein langgezogenes „Oh jeh, oh jeh….“ Ich merke, wie mir erste Schweißperlen über die Stirn kullern. „Da müssen wir aber mal ran“, sagt er. „Da müssen wir aber mal richtig ran“. Ich bin überrascht, entsetzt, kann die Zahnwelt nicht mehr verstehen. „Aber Herr Doktor, ich komme doch seit Jahren. Sie haben immer gesagt, alles okay.“  Schweigen. Dann ein leicht mitleidiger Blick im Sinne von: „Ja ja, auf nichts ist mehr Verlass in heutigen Zeiten.“ Eindringlich weist er seine Sprechstundenhilfe an, fünf Termine mit mir zu machen. Fünf.

Ein paar Tage später treffe ich meinen Freund Erwin. Erwin kennt jeden. Und er weiß alles über jeden. Und so erfahre ich von Erwin – mein Zahnarzt baut. Was heißt: baut. Er klotzt. Ein Bunker. Drei Etagen. Rundum-Balkon. Dachterrasse. Garten. Ach was, Landschaften. Sagt Erwin. Da also liegt der Hase im Pfeffer, bzw. der Zahnarzt mir auf der Tasche. Und ich fing an, das zwar seit langem bekannte, aber bisher immer unverständliche Gemurmel während der Untersuchung zu übersetzen:
Zwei-vier-kariös: Marmorboden im Bad. Eins-drei-kariös: Carrara-Marmor, handgeschliffen. Zwei-zwei-Lücke. Krone oder Implantat. Swimmingpool. Und meistens kommt dann auch gleich: vier-drei-Doppellücke: Swimmingpool beheizt.

Aber, was will man machen. Zeigen Sie mir einen Zahnarzt, der nicht baut, der noch nicht im feudalen Eigenheim wohnt. Und der nicht in seinen beheizten Swimmingpool noch eine Gegenstromanlage einbauen will. eins-drei-Lücke. Oder der nicht seinen Pool auch noch überdachen will: zwei-vier-Lücke. Zahnärzte? Zahlärzte! Ich gebe demnächst eine Anzeige auf: Suche Zahnarzt, der zur Miete wohnt.

Meinung: Air Berlin

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Zur Pleite von Airberlin
Schön war es doch

Mallorca für 29 Euro – Leute, mal ehrlich, das ist doch logisch, dass das auf Dauer nicht funktionieren kann. Ja, sicher haben auch die Manager von Airberlin Fehler gemacht (ich bin kein BWL-er, kann das nicht beurteilen). Aber wenn ich es einfach mal logisch betrachte:

Wenn ein Produkt in der Herstellung überall gleich teuer ist (Flugzeuge) und die Betriebskosten identisch sind (Kerosin, Flughafengebühren etc.) dann bleibt einem Unternehmen nur noch eine Möglichkeit, Kosten zu sparen: beim Personal. Genau das hat Airberlin gemacht. Weniger Mitarbeiter als bei „teuren“ Airlines (die natürlich mehr arbeiten mussten) für weniger Geld, zu schlechteren Bedingungen. Nur deswegen konnten wir über die Jahre so billig fliegen. Wer aber viel arbeitet, unter schlechten Arbeitsbedingungen und dann auch noch wenig Geld kriegt – wird unzufrieden. Da brauchen wir doch nur an unsere eigenen Jobs zu denken. Und, schließlich: Ein Unternehmen, in dem die Leute dauerhaft und massenhaft unzufrieden sind, kann eben keine guten Produkte, keinen guten Service bieten und sich nicht dauerhaft am Markt halten.

Ein Wort noch zu uns, den (früheren Airberlin-) Passagieren: Ja, viele Dinge bei Airberlin waren schlecht, wir haben uns zu Recht geärgert und die Beschwerden und Häme im Netz waren sicher verständlich. Aber ist es nicht auch von uns ein bisschen naiv gewesen, den billigsten Flug zu buchen – und dann besten Service zu erwarten? Ich jedenfalls habe jetzt schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich mich über Service und Mitarbeiter von Airberlin aufgeregt habe. Und dass auch noch öffentlich. Denn wenn es so etwas wie „Opfer“ in dieser Situation gibt, dann sind es nicht wir, die Kunden. Sondern die Mitarbeiter von Airberlin.

Juni 2016, von Köln nach Berlin. Müsste die Elbe sein dort unten.

Bericht: Hollister. Ort.

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„Hollister“? klar, ist doch…. Ja. Aber Hollister steht auch für den Beginn der Biker-Szene: 1947 gingen in der kalifornischen Kleinstadt zum ersten Mal in den USA Biker und Polizisten aufeinander los. Straßenkämpfe. Der Beginn der Biker-Kultur.

Man muss schon ein bisschen suchen, bis man in Hollister auf die Erinnerungen des legendären Rockertreffens stößt. Die Stadt mit ihren rund 40.000 Einwohnern, rund 150 Kilometer südlich von San Francisco gelegen, döst in der Sommersonne friedlich vor sich hin, und wenn mal eine Harley durch diese Ruhe donnert, dann hat das nichts mit diesem Ort zu tun – das ist eben Standard in Kalifornien. Und doch lebt die Erinnerung an die Rocker-Zeit bis heute weiter: In Johnnys Bar. Als Papp-Rocker lädt Marlon Brando vor dem Eingang ein, innen ein diffuser Mix aus Sonnen- und Lampenlicht.

„Johnnys Bar“. Dieser Ort sieht sich als Heimat der Rocker; innen erzählen Fotos, Zeitungsausschnitte die Biker-Geschichte.

Ein langer Tresen, hinter dem Teresa, die Besitzerin von Johnnys Bar, die jetzt, gegen 12 Uhr Mittags, nur wenigen Gäste versorgt. „Ja ja, das muss wohl ziemlich heftig gewesen sein, damals,“ sagt sie und verweist stolz auf die Erinnerungstafeln und –fotos an der Wand. Drei Tage ging das Treffen, die Biker fuhren kleine Rennen, hatten ihren Spaß. Aber einige der rund 4000 Biker tranken doch das ein oder andere Bier zuviel, vergriffen sich an Wirt und Mobilar und zettelten eine Massenschlägerei an. Die nur wenigen Polizisten in der Stadt konnten da wenig machen und riefen die Nationalgarde. Und kurze Zeit später war Hollister im Ausnahmezustand; Armee und Polizei ging mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Schläger und Betrunkene vor. Am dritten Tag sausten die Rocker ab – und Hollister hatte sich als Stadt in die Geschichtsbücher eingetragen.

1953 verewigte Hollywood die Ereignisse im Film „The Wild One“, und der Streifen brachte dem Hauptdarsteller Marlon Brando das Rocker-Image und führte in vielen Ländern zur Halbstarken-Szene. Hollister hat sich mit den Bikern schon lange ausgesöhnt, denn nach wie vor findet hier jedes Jahr eines der größten Bikertreffen statt: freundlich, friedlich, familiär. Und wieso das Textilunternehmen Abercrombie&Fitch seine Modemarke ausgerechnet nach Hollister benannt hat ist unklar, das Unternehmen steht Presseanfragen generell sehr reserviert gegenüber, und auch auf diese Frage gab es keine Antwort.

(Wird aktualisert und fortgesetzt)