Glosse: Die gute Rede

Die gute Rede: Nicht mehr. Sondern weniger

Kaum jemand baut seine Möbel selbst. Stattdessen verdienen wir mit mehr oder weniger harter Arbeit mehr oder viel Geld und gehen, wenn wir zum Beispiel einen Schrank brauchen, in ein Möbelhaus. Für wenig Geld bekommen wir Durchschnitt; für viel Geld Besonderes. In jedem Fall einen, mehr oder weniger, hölzernen, großen, ansehbaren Behälter. Mit Türen, die sich leicht bewegen und sich schließen lassen, mit gut geleimten Ecken und Kanten. Eine senkrecht stehende Kiste, in die Hosen, Hemden und Sakkos passen. Mehr oder weniger.

Leider scheint diese Binsenweisheit, dass nicht alle alles können und auch nicht können müssen, nicht für alle Fertigkeiten zu gelten. Nehmen wir nur mal die Rede. Da reicht es offensichtlich aus, Experte zu sein. Nicht fürs Redenhalten, sondern für irgendwas. Experte zu sein für unseren Körper zum Beispiel. Oder für unseren PC. Oder für den Kampf gegen das Finanzamt. Und so sind Arzt, Informatiker oder Steuerberater gleichermaßen der festen Überzeugung, dass sie befähigt oder gar berechtigt sind, uns ihr Wissen in einer Rede kund zu tun. Dass das ein gravierender Irrtum ist, müssen wir täglich, oft leidvoll, miterleben: Auf Konferenzen, Kongressen, Seminaren. Überall stehen Menschen hinter einem Pult oder auf der Bühne und versuchen sich an einer Fertigkeit, die uns der liebe Gott leider nicht mitgegeben hat: Eine spannende, unterhaltsame Rede zu halten.

Der Mensch ist nicht geschaffen für langes Zuhören oder Reden. Über Jahrtausende haben unsere Vorfahren daran nicht gerüttelt – was zugegebener Maßen ein Leichtes war: Neandertaler, Jäger und Sammler wollten sich in ihren Höhlen und Zelten nach dem täglichen Kampf ums Überleben nicht langer Reden hingeben, sondern der Entspannung; zudem war die die Zahl der Grunz- und Schmatzlaute für einen längeren Monolog einfach nicht ausreichend.

Erst die Intelligenz, Eitelkeit und nicht zuletzt ein satter Bauch eines Platon und Sokrates verhalfen der Rede zu ihrem Aufstieg. Und weil auch die damaligen Zuhörer an der sie schnell überkommenden Müdigkeit merkten, dass gute Gedanken nicht zwangsläufig eine gute Rede mit sich bringen, stieg der Monolog gar zur Kunstform auf. So galt es in den besseren Kreisen von Athen fortan als schick, sich ebenso leidenschaftlich wie lustvoll auf Einleitung, These, Antithese, Conclusio und Schluss vorzubereiten.

Diese Blütezeit des kunstvollen Monologs, der geistigen Auseinandersetzung mit sich selbst in und vor Anwesenheit anderer dauerte bis ins Jahrhundert vor Christi – dann beendete die wohl berühmteste Kurzrede der Menschheit die Lust am Monolog: „Ich kam, sah und siegte“ kann sicherlich als erster Erfolg moderner PR-Arbeit angesehen werden, handelt es sich hierbei doch erstens um eine Kernbotschaft, die zweitens auch von jedem noch so PISA-gebeutelten Pennäler als Cäsar-Ausspruch zugeordnet werden kann. Der große Römer sah in langen Worten weniger Kraft als in seinen Legionen, und weil er sich mit dieser Haltung (und seinen Legionen) von Byzanz bis nach Portugal durchsetzen konnte, sanken Wert und Ansehen von Rede und Redner.

Es würde den Rahmen einer jeden Rede und auch eines jeden Textes sprengen, zu ergründen, inwieweit sich der Monolog in den Jahrtausenden eher als Folterinstrument oder Kunstform etabliert hat und welche Reden einen Glanz- oder eben auch Tiefpunkt in der nach-cäsarischen Zeit darstellen. So springen wir zu dem Zeitpunkt, als die Technik in die Rede eingegriffen hat – und das nicht unbedingt zur Erbauung des Publikums: Die deutsche Nachkriegs-Wirtschaft ließ uns nicht nur schwer arbeiten, sondern auch richtig Urlaub machen. Damit die Erholung auch über die Italien- oder Österreich-Zeit hinaus anhielt, gab man uns den Fotoapparat mit auf den Weg und den Diaprojektor ins Wohnzimmer. Dank dieser Gerätschaften konnten wir plötzlich Reden halten und damit Nachbarn, Verwandtschaft, Freunden erfreuen. Mehr oder weniger.

Inzwischen rollt seit Jahren die Angriffswelle, dem geistigen Monolog, der kunstvollen oder wenigstens unterhaltsamen Rede endgültig den Garaus zu machen: 2000 Jahre nach Caesar heißt der Angreifer Bill Gates und seine Waffe PowerPoint. Dieses Computerprogramm trägt die Hauptschuld daran, dass inzwischen jeder des Lesens und Sprechens Fähige glaubt, die Vortragssäle besetzen zu dürfen und uns, dank Laptop und Laserpointer, mit einer Rede beglücken zu können. Doch ebenso wie der Zwerg Alberich, der uns mit lächerlichen Tricks seine angebliche Zauberkunst vorgaukelte, kann auch Bill Gates aus einem Langweiler keinen Entertainer machen.

So ertragen wir, zum Schweigen, Zuhören und Leiden verurteilt, den Auftritt der Powerpoint- aber eben nicht Rede-Spezialisten und sinnen angesichts der überladenen, nicht enden wollenden Folien und des starren Leinwandblicks des Referenten auf Gegenwehr: Vielleicht können ja geballte Zuhörer-Rachegedanken die Beamer-Lampe zum Platzen, die Reihenfolge der Folien durcheinander oder am besten gleich den Laptop zum Absturz bringen. Die Folgen dieser kollektiven übersinnlichen Aktion wären, wovon wir gar nicht mehr zu träumen wagten: Nach einer Schrecksekunde würde der Redner sich berappeln und in seinem Kopf die wichtigsten Punkte zusammenfassen. Dann würde er sich uns zuwenden, diese Punkte nennen – und einfach mit uns reden.

Und plötzlich hätten wir, was eine gute Rede auszeichnet: Nicht mehr. Sondern weniger.