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Glosse: TV-Journalismus

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Pat Metheny – geht auch in 30 Sekunden

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie oft im Leben Dinge zusammenpassen und zusammenkommen. „Na ja“, werden nun die rational und strukturiert denkenden, mit der stark ausgeprägten linken Gehirnhälfte ausgestatteten Lebens-Analysten sagen, „es gibt keine Wahrheit, wir reimen uns zusammen, was nach unserer Wahrnehmung zusammengehört“. „Ja“, antworte ich, „im Prinzip stimme ich euch zu, aber manchmal ist es doch wirklich merkwürdig…“

Januar 2000, ein mehrwöchiger Aufenthalt in meiner Lieblingsstadt Los Angeles. Nachdenken über Journalismus. Nach 15 Jahren Fernsehen, vor allem Nachrichten und Magazine, also das, was man gemeinhin als Journalismus bezeichnet, bzw. das, was im Fernsehen noch vom Journalismus übrig geblieben ist und weiterhin übrig bleiben wird, scheint mir die Energie für eben dieses Metier auszugehen; Alternativen willkommen. Vielleicht doch noch einmal den Jugendtraum auf seine Umsetzung ins wirkliche Leben hin überprüfen? Musiker, Gesang und Gitarre. Im Guitar Center Hollywood, zu der Zeit das größte Musikgeschäft in den USA, gebe ich mich meinem Traum hin, spiele viele Gitarren im Geiste und einige, bezahlbare, in der Wirklichkeit an.

Dann holt mich die Gegenwart ein, genauer, die Fernseh-Gegenwart: Ein Fernsehteam baut Scheinwerfer und Kameras auf, Moderatorin, Kamerateam und Producer proben erste Interviews. Natürlich habe ich die Gitarren inzwischen zurückgestellt (im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinn…) und schaue den Kollegen zu. Ihren Gesprächen und den Probe-Interviews entnehme ich, dass es ein Team von Entertainment Television ist, das eine Dokumentation über den Jazz-Gitarristen Pat Metheny dreht und dazu ein Interview führen will. Geplant war offensichtlich ein Gespräch mit Geschäftsführer und Musikexperten von Guitar Center, der aber wohl kurzfristig abgesagt hat. Und so überredet das TV-Team, genauer die ebenfalls anwesende Moderatorin, kurzerhand einen Verkäufer das Interview zu geben. Und es ensteht eine Sternstunde des Fernsehjournalismus…

Moderatorin: Hi, Ich bin Sandy, von Entertainment TV .Wie heißt Du?
Joe: Hi, Ich bin Joe Beallami und verkaufe hier Gitarren.

Moderatorin: Hi Joe. Kennst Du Pat Metheny?
Joe: Ich bin ein Fan von ihm, er ist mein Vorbild.

Moderatorin: Klasse, dann weißt Du ja sicher eine Menge über ihn.
Joe: Das kann man wohl sagen.

Moderatorin: Okay Joe, für das Interview gleich haben wir zwei Fragen. Laß uns kurz darüber reden. Meine erste Frage wird sein: Welche Bedeutung hat Pat Metheny für die die Jazzmusik?
Joe (lächelt, froh etwas über diesen großen Musiker sagen zu dürfen): Huh, Pat Metheny war der erste, der seine Gitarre mit dem Hintern spielen konnte. das war phänomenal. Pat hat sich damals als Revolutionär gesehen, der die bis dahin übliche Musik einfach ignorierte, der in die Jazz-Musik völlig neue Elemente hineingebracht hat. Die Musiker um ihn herum waren fasziniert, obwohl es auch einige gab, die Methenys Form zunächst nicht verstehen konnten und ihn und seine Musik deswegen ablehnten.

Moderatorin: Das war schon sehr schön, vielleicht können wir das ganze noch ein bisschen kürzen. Aber laß uns zunächst über meine zweite Frage sprechen: Was braucht es denn, um so Gitarre spielen zu können wie Pat Metheny?
Joe: Pat ist ein begnadeter Musiker. Er hat Talent, natürlich. Aber das allein reicht nicht. Pat hat angefangen Gitarre zu spielen, als er sechs war, er ist mit der Gitarre aufgewachsen. Noten konnte er damals noch nicht; er schaute einfach den Musikern zu und spielte das nach, was er gesehen hatte. Pat lebt mit und für seine Musik. Und natürlich hat er geübt, geübt, geübt. Und auch wenn man Talent hat, gibt es Momente, wo man keine Lust hat, wo Musikmachen, wo´s eben Arbeit ist. Auch Pat Metheny kennt solche Momente.

Moderatorin (froh, dass Joe endlich fertig ist): Ja, Joe. Schön. Aber auch da müssen wir noch was wegnehmen.

Moderatorin und Joe stecken die Köpfe zusammen. Nach 10 Minuten scheint alles klar. Kamera ab, Ton läuft.

Moderatorin: Hi, wir sind hier im Guitar Center Hollywood, ein Laden, in den auch Pat Metheny gern kommt. Bei mir ist jetzt Joe Beallami, Verkäufer bei Guitar Center und Pat Metheny-Experte. Joe, welche Bedeutung hat Pat Metheny für die Jazzmusik?
Joe: Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass Pat Metheny die Jazzmusik ganz entscheidend beeinflusst hat.

Moderatorin: Was braucht es denn, um so Gitarre spielen zu können wie Pat Metheny?
Joe: Zum einen natürlich Talent, gehörig viel Talent. Aber das reicht nicht. Man muss üben, üben, üben.

Moderatorin: Vielen Dank, Joe. Liebe Zuschauer, dass war Joe Beallami aus dem Guitar Center Hollywood. Mehr über Pat Metheny und die Geschichte, wie seine Liebe zur Musik auf eine harte Probe gestellt wurde – gleich im zweiten Teil von Life and Music of Pat Metheny.

(Später, in der Sendung, kommt dann) Werbung.

Glosse: Die gute Rede

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Die gute Rede: Nicht mehr. Sondern weniger

Kaum jemand baut seine Möbel selbst. Stattdessen verdienen wir mit mehr oder weniger harter Arbeit mehr oder viel Geld und gehen, wenn wir zum Beispiel einen Schrank brauchen, in ein Möbelhaus. Für wenig Geld bekommen wir Durchschnitt; für viel Geld Besonderes. In jedem Fall einen, mehr oder weniger, hölzernen, großen, ansehbaren Behälter. Mit Türen, die sich leicht bewegen und sich schließen lassen, mit gut geleimten Ecken und Kanten. Eine senkrecht stehende Kiste, in die Hosen, Hemden und Sakkos passen. Mehr oder weniger.

Leider scheint diese Binsenweisheit, dass nicht alle alles können und auch nicht können müssen, nicht für alle Fertigkeiten zu gelten. Nehmen wir nur mal die Rede. Da reicht es offensichtlich aus, Experte zu sein. Nicht fürs Redenhalten, sondern für irgendwas. Experte zu sein für unseren Körper zum Beispiel. Oder für unseren PC. Oder für den Kampf gegen das Finanzamt. Und so sind Arzt, Informatiker oder Steuerberater gleichermaßen der festen Überzeugung, dass sie befähigt oder gar berechtigt sind, uns ihr Wissen in einer Rede kund zu tun. Dass das ein gravierender Irrtum ist, müssen wir täglich, oft leidvoll, miterleben: Auf Konferenzen, Kongressen, Seminaren. Überall stehen Menschen hinter einem Pult oder auf der Bühne und versuchen sich an einer Fertigkeit, die uns der liebe Gott leider nicht mitgegeben hat: Eine spannende, unterhaltsame Rede zu halten.

Der Mensch ist nicht geschaffen für langes Zuhören oder Reden. Über Jahrtausende haben unsere Vorfahren daran nicht gerüttelt – was zugegebener Maßen ein Leichtes war: Neandertaler, Jäger und Sammler wollten sich in ihren Höhlen und Zelten nach dem täglichen Kampf ums Überleben nicht langer Reden hingeben, sondern der Entspannung; zudem war die die Zahl der Grunz- und Schmatzlaute für einen längeren Monolog einfach nicht ausreichend.

Erst die Intelligenz, Eitelkeit und nicht zuletzt ein satter Bauch eines Platon und Sokrates verhalfen der Rede zu ihrem Aufstieg. Und weil auch die damaligen Zuhörer an der sie schnell überkommenden Müdigkeit merkten, dass gute Gedanken nicht zwangsläufig eine gute Rede mit sich bringen, stieg der Monolog gar zur Kunstform auf. So galt es in den besseren Kreisen von Athen fortan als schick, sich ebenso leidenschaftlich wie lustvoll auf Einleitung, These, Antithese, Conclusio und Schluss vorzubereiten.

Diese Blütezeit des kunstvollen Monologs, der geistigen Auseinandersetzung mit sich selbst in und vor Anwesenheit anderer dauerte bis ins Jahrhundert vor Christi – dann beendete die wohl berühmteste Kurzrede der Menschheit die Lust am Monolog: „Ich kam, sah und siegte“ kann sicherlich als erster Erfolg moderner PR-Arbeit angesehen werden, handelt es sich hierbei doch erstens um eine Kernbotschaft, die zweitens auch von jedem noch so PISA-gebeutelten Pennäler als Cäsar-Ausspruch zugeordnet werden kann. Der große Römer sah in langen Worten weniger Kraft als in seinen Legionen, und weil er sich mit dieser Haltung (und seinen Legionen) von Byzanz bis nach Portugal durchsetzen konnte, sanken Wert und Ansehen von Rede und Redner.

Es würde den Rahmen einer jeden Rede und auch eines jeden Textes sprengen, zu ergründen, inwieweit sich der Monolog in den Jahrtausenden eher als Folterinstrument oder Kunstform etabliert hat und welche Reden einen Glanz- oder eben auch Tiefpunkt in der nach-cäsarischen Zeit darstellen. So springen wir zu dem Zeitpunkt, als die Technik in die Rede eingegriffen hat – und das nicht unbedingt zur Erbauung des Publikums: Die deutsche Nachkriegs-Wirtschaft ließ uns nicht nur schwer arbeiten, sondern auch richtig Urlaub machen. Damit die Erholung auch über die Italien- oder Österreich-Zeit hinaus anhielt, gab man uns den Fotoapparat mit auf den Weg und den Diaprojektor ins Wohnzimmer. Dank dieser Gerätschaften konnten wir plötzlich Reden halten und damit Nachbarn, Verwandtschaft, Freunden erfreuen. Mehr oder weniger.

Inzwischen rollt seit Jahren die Angriffswelle, dem geistigen Monolog, der kunstvollen oder wenigstens unterhaltsamen Rede endgültig den Garaus zu machen: 2000 Jahre nach Caesar heißt der Angreifer Bill Gates und seine Waffe PowerPoint. Dieses Computerprogramm trägt die Hauptschuld daran, dass inzwischen jeder des Lesens und Sprechens Fähige glaubt, die Vortragssäle besetzen zu dürfen und uns, dank Laptop und Laserpointer, mit einer Rede beglücken zu können. Doch ebenso wie der Zwerg Alberich, der uns mit lächerlichen Tricks seine angebliche Zauberkunst vorgaukelte, kann auch Bill Gates aus einem Langweiler keinen Entertainer machen.

So ertragen wir, zum Schweigen, Zuhören und Leiden verurteilt, den Auftritt der Powerpoint- aber eben nicht Rede-Spezialisten und sinnen angesichts der überladenen, nicht enden wollenden Folien und des starren Leinwandblicks des Referenten auf Gegenwehr: Vielleicht können ja geballte Zuhörer-Rachegedanken die Beamer-Lampe zum Platzen, die Reihenfolge der Folien durcheinander oder am besten gleich den Laptop zum Absturz bringen. Die Folgen dieser kollektiven übersinnlichen Aktion wären, wovon wir gar nicht mehr zu träumen wagten: Nach einer Schrecksekunde würde der Redner sich berappeln und in seinem Kopf die wichtigsten Punkte zusammenfassen. Dann würde er sich uns zuwenden, diese Punkte nennen – und einfach mit uns reden.

Und plötzlich hätten wir, was eine gute Rede auszeichnet: Nicht mehr. Sondern weniger.

Interview: Kunst in L.A.

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Dr. Daniel Hess ist Kunsthistoriker am Germanischen Museum in Nürnberg. Für seine Forschungsarbeit nahm er 2017 eine Auszeit in einer Stadt, die nicht gerade als Hochburg der Kunst gilt: Los Angeles.

Dr. Daniel Hess auf dem Balkon des Getty-Forschungsinstituts in Los Angeles. Aber nur fürs Foto-Shooting, denn, so Hess: „Wegen der idealen Arbeitsbedingungen komme ich hier mehr zum Forschen als in Nürnberg“. Foto: Stefan Korol

 

Daniel Hess ist Sammlungsleiter am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Vorbereitung einer Ausstellung über die Kulturgeschichte von Davos. Das Thema ist die Gegensätzlichkeit, mit der Davos in Kunst und Literatur dargestellt wird. So haben im 19. Jahrhundert viele Künstler und Schriftsteller, die in dem damaligen Kurort Davos Heilung suchten, in ihren Werken ihre Sehnsüchte und Ängste ausgedrückt; die Zustände und das Leben dort wurden zu einem existentiellen Erlebnis: Davos war entweder Paradies oder Hölle. Die Ausstellung will zeigen, dass diese gegensätzliche Wahrnehmung von Davos bis in die heutige Zeit andauert. Hess forschte als Stipendiat der deutschen Künstlerresidenz Villa Aurora in Pacific Palisades.

Frage: Herr Dr. Hess, wir sitzen hier in einem fensterlosen Raum, mehr eine Zelle, vielleicht drei Quadratmeter groß. Wie fühlen Sie sich hier?
Hess: Großartig. Zum einen total abgeschottet von der Welt, aber so kann ich sehr konzentriert arbeiten. Ein paar Meter weiter ist ja der Balkon, hoch über der Stadt, mit dem Blick bis zum Pazifik. Da bin ich sofort draußen, da sind die Gedanken frei und fliegen übers Meer.

Frage: Unter anderem bereiten Sie hier eine Davos-Ausstellung vor, die im Germanischen Nationalmuseum laufen soll. Worum geht es in dieser Ausstellung?
Hess: Davos hatte schon immer den Nimbus eines Paradieses. Hoch in den Alpen, fernab der Welt, mitten in der Natur. Das versprach Wohlergehen, Heilung, Glück. Und ein Künstler hat Davos auch so dargestellt: Ernst Ludwig Kirchner, der Genesung und Frieden in Davos suchte und die Bergwelt in seinen Bildern entsprechend inszenierte. Für Thomas Mann ist Davos im Roman „Der Zauberberg“ dagegen zu einem Sinnbild für ein tiefkrankes Europa nach dem Ersten Weltkrieg geworden. In Davos suchten viele Lungenkranke Heilung und schwebten auf den Liegebalkonen zwischen Leben und Tod. Dies war und ist Davos, ein Paradies, ein existentieller Ort, ein kontroverser Ort bis heute. Diese Gegensätzlichkeit, diese Spannung – das ist das Thema der Ausstellung.

Frage: Wenn wir an Kunst denken, fällt uns Los Angeles wahrscheinlich eher nicht ein….
Hess: Ja, das stimmt. Aber auch wieder nicht. Denn erstens ist hier das Getty-Forschungsinstitut, das Größte seiner Art, weltweit. Mit einem für Wissenschaftler unglaublichen Service, der einem auf schnellstem Wege alle gewünschten Bücher auf den Tisch zaubert. In Deutschland müsste ich dafür nach Köln, Zürich oder sonst wohin fahren bzw. umständliche Fernleihen in Auftrag geben. Wenn ich hier mehr Material brauche, dann bestelle ich das – und zwei Stunden später kann ich damit arbeiten. Und zweitens: In LA ist die Nachfrage nach Kunst und damit auch nach Kunstexperten groß. Ich hatte zum Beispiel vor zwei Tagen ein Gespräch mit einem der größten Privatsammler zeitgenössischer Kunst hier in LA. Wir sind seine Sammlung durchgegangen, haben uns über die verschiedenen Epochen unterhalten, diskutiert. So bin ich der aktuellen Kunstszene hier begegnet, und beide Seiten profitierten enorm von dieser Begegnung. Aber das ist sicherlich ein Erlebnis, das der normale Besucher dieser Stadt nicht hat.

Frage: Wenn Sie die Möglichkeiten und Voraussetzungen für Forschung betrachten: Welche Unterschiede gibt es da zwischen Deutschland und Los Angeles?
Hess: Gut, da ist das Getty hier natürlich eine Ausnahme, es ist ein Forscher-Paradies, auch neben den Büchern, die hier alle zur Verfügung stehen: Die Architektur und die hilfsbereiten Menschen schaffen eine Atmosphäre des Wohlbefindens und der Konzentration. Es gibt überall kleine Lese- und Denkecken, Balkone, luftige Treppen, und einen Orangenhain. Und dazu blauer Himmel und dieser kilometerweite Blick. Das entspannt nach Stunden des Lesens und Schreibens und regt an. Natürlich gibt es auch hier einen musealen Alltag, eine Administration. Aber davon kriege ich nichts mit, für sechs Wochen kann ich mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren.

Standard-Arbeitsplatz: Ein vier Quadratmeter-Raum. Ohne Fenster, ohne Ablenkung. Nur Laptop, Licht, schnelles Internet. Fotos: Stefan Korol

Frage: Abgesehen von Ihrer Arbeit: Wie erleben Sie Los Angeles als „normaler“ Besucher?
Hess: Da sind zunächst viele Dinge, die mir fremd sind: Alles und jedes wird mit dem Auto erledigt, man geht nicht einen Meter zu Fuß. Die Stadt ist so riesig; egal wohin du willst, du fährst mindestens eine Stunde. Und stehst eine halbe davon im Stau. Auch gibt es kein Zentrum, so wie wir das kennen. Downtown? Kann sein, aber das ist nicht das, was wir als Zentrum verstehen. Die Fußgängerzone in Santa Monica? Schon eher, aber das ist bestenfalls eine Bummelmeile. Und dann, auf der anderen Seite: Eine faszinierende Landschaft. In zwei Stunden bin ich in der Mojave-Wüste. Eine Stunde später auf 3.500 Metern Höhe im Schnee. Und wieder zwei Stunden später am Pazifik oder ich stecke mit zehntausend anderen Autos im Stau auf dem Freeway. Diese landschaftliche Veränderung geht so wahnsinnig schnell, das ist sehr faszinierend.

 

Wenn die „Zelle“ mal zu eng ist: Hess hat nicht nur Zugang zu allen Werken der Getty-Bibliothek, sondern kann sich auch jedes Buch weltweit liefern lassen. Foto: Stefan Korol

Frage: Das klingt ja ähnlich gegensätzlich wie Davos. Sehen Sie da eine Parallele?
Hess: Absolut. Auch Kalifornien, vor allem Los Angeles galt und gilt als Paradies, hier suchten viele deutsche Schriftsteller und Künstler Zuflucht während des Naziregimes. Es gibt unvorstellbaren Luxus und schreiende Armut. Auch höre ich von ganz Vielen, die ich hier treffe, dass sie hier ihre lang gehegten Träume verwirklichen. Ob es klappt, ist eine andere Frage, aber sie glauben daran. Und das merke ich auch bei mir: Ich schöpfe hier Vertrauen und Mut, die Dinge einfach anzugehen, stärker an die Kraft der Ideen zu glauben. Ich fühle mich beflügelt: Wer hätte gedacht, dass die Davos-Ausstellung unter der kalifornischen Sonne so aufblüht!

 

Stefan Korol, Februar 2017 Los Angeles

Glosse: Fly and Die

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Fly and Die

Das moderne Leben ist ein Zeitfresser. Beruf, Beziehung, Begräbnis (ich bitte diese Listung und Reihenfolge nicht kausal aufzufassen) sind schon lange auf die Sekunde durchgetaktet, die ehemals jeweils damit verknüpften Begriffe Selbstverwirklichung, entspannte Zweisamkeit und gefühlvolles Ausweinen kommen nur noch im Altenheim vor. Kein Wunder, dass auch unsere Sprache durchrationalisiert wird – wer hat denn noch Zeit, ganze und auch noch mehrere Sätze zu sprechen, geschweige denn, sie sich anzuhören.

Nun erfüllt aber Sprache, gar vielfältige, den Geist anregende und zuweilen deswegen auch anstrengende aber eine Funktion. Sie soll informieren, stimulieren, motivieren. Und so haben die doch ewig kreativen, vermutlich weil in Beruf, Beziehung und Begräbnis vom Zeitfresser zumindest bislang verschont gebliebenen Werbemenschen klammheimlich damit begonnen, lange Geschichten auf das Brutalste zu verkürzen.

Nehmen wir zum Beispiel den ehemals von Genuss geprägten Duty Free-Bummel vor dem  mit großer Spannung und Vorfreude erwarteten Interkontinental-Flug. Da schlenderte der Fluggast in spe durch das anregend drapierte und womöglich noch exklusive Angebot. Ein Genuss, diese dramaturgisch kunstvoll aufgebaute und sich langsam steigernde Vorfreude auf die Reise durch stratosphärische Höhen, der zu einem ersten Höhepunkt führte: Dem Kauf von zwei Flacons mit exquisitem Inhalt, natürlich zu einem überaus günstigen Airport-Preis. Es folgte eine kurze Entspannungsphase, um dann die wieder auf- und anregenden letzten Minuten bis zum Einstieg zu genießen. Dann kamen die Werbefuzzis und bescheren uns seither ein profanes fly and buy.

Oder denken wir an die romantischen und zu Tränen rührenden Geschichten von herzzerreißenden Situationen mobilen Lebens – die Abschiede an unseren Bahnhöfen. Tragödien, die ganz banal begonnen haben mit dem Kauf einer Fahrkarte, um dann in einem großen seelischen Schmerz zu enden. Auch davon ist nichts mehr geblieben – außer ebenfalls drei und ebenfalls fremdsprachlichen Worten: kiss and ride. Zu mehr als einem solchen profanen Aufruf per Schild hat sich die Deutsche Bahn zumindest an ihrem, doch immerhin milliardenteuren Hauptstadtbahnhof, nicht hinreißen lassen.

Keine Frage: Diese und andere Geschichten-Verkürzer haben sich durchgesetzt. Und, ich gestehe, nach einer Phase des Widerstands gegen diese Rationalisierung der deutschen Sprache, finde ich nun einen gewissen Gefallen an diesen Wort- und Werbedopplern, kurz WWDs (klingt das nicht klasse?). Und das zum, wie ich einschätze, genau richtigen Zeitpunkt, denn die Werbefuzzis scheinen sich anderen Sprach-Brutalitäten zugewendet zu haben; liegen doch die letzten bla-und-da-Neuerscheinungen schon eine Weile zurück. Gut, da gibt es einige aktuelle und selbst kreierte Versuche auf regionaler Ebene: Come in and druck out schreibt ein Copyshop in Kiel an seine Hauswand. Aber, erstens kein klassischer Werbedoppler, und zweitens ein wenig holprig klingend; der Mann sollte lieber weiterhin kopieren statt kreieren. Über diesen Tipp für den Kieler Drucker hinausgehend erlaube ich mir auf textlich fremden Pfaden zu wandeln und nachstehend selber einige Vorschläge für  lebensbejahende WWDs zu unterbreiten:

Meinen ersten Vorschlag möchte ich dem Verband deutscher Backwarenhersteller antragen. Einen solchen habe ich zwar nicht per Google überprüft, gehe aber von dessen Existenz aus, denn wenn zwei Menschen in Deutschland den gleichen Beruf, das gleiche Hobby oder die gleiche Macke haben, dann gibt es auch einen entsprechenden Verband. Wo immer also diese meine Zielgruppe sich aufhalten mag, hier meine Waffe, um die morgendlich-verschlafene Muffelstimmung im Bäckerladen zu bekämpfen: back und schnack. Ein lebenslustiger WWD, der nicht nur die, die verschnarcht-muffelig in der Schlange stehen, also die Kunden, frisch und knackig aus den Puschen haut. Sondern auch die dort Backtätigen, also die, die die (da bin ich von der belebenden Wirkung dieser Wortkreation gleich beeindruckt: ein dreifach die) vorgefertigten Fabrikbrötchen absolut art- und handwerksgerecht in die automatischen Öfen schieben und durch den leckeren Duft den Eindruck einer meisterlichen Bäckerarbeit mit mindestens 30-jähriger Berufserfahrung erwecken.

Ein WWD, speziell für Fußballer, aber nach meiner Einschätzung nicht zwingend notwendig, weil er nicht wirklich neue Gewohnheiten mit sich bringt, der aber das Gewohnte in neuer Lust und Leidenschaft erleben lässt, wäre kick and fick. Aber, wie gesagt, es würde mich überraschen wenn ich damit allzu viele Ballzauberer auf eine neue Idee der post- ballerischen Phase brächte. Und wo wir beim Thema sind: Das Beziehungsverhalten männlicher, und hier vor allem junger und auch sportlich ambitionierter Singles gegenüber dem zunächst willigen, dann hoffenden und schließlich enttäuschten und verständnislosen weiblichen Geschlecht, bislang mit einem inzwischen altbacken klingenden ex und hopp, ließe sich mit einem modernen fun and run zu einem hippen Trend erklären und vielleicht sogar rechtfertigen.

Die Lufthansa könnte mit einem knackigen Werbedoppler an ihrem inzwischen vielleicht doch ebenfalls etwas verstaubten Image arbeiten: fly and die erweckt den Eindruck, als könne ein an sich simpler und langweiliger Flug von Hamburg nach München ein überraschendes, vorzeitiges und vielleicht gar abenteuerliches Ende in der Rheinischen Tiefebene finden.

Auch am Boden helfen kreative Wortpaare dem stupiden Reisealltag auf die Sprünge. Das inzwischen auf das Sortiment eines Kaufhauses angewachsene Warenangebot bundesdeutscher Tankstellen könnte dank eines auffordernden tank und zank zu spontanen Beziehungs- und Familiendramen führen: Er will los, sie hängt aber noch am Schuhregal; der Junior weigert sich, die Weiterfahrt im urlaubsbeladenen Kleinwagen ohne das gerade zum sensationellen Tiefpreis angebotene Mountainbike anzutreten.

Allerdings sollte der Ehrlichkeit darauf hingewiesen werden, dass tank und zank erstens schnell eingeführt werden sollte und zweitens selbst dann ein kurzes Verfallsdatum hätte; ist es doch nur noch eine Frage der Zeit, bis die dreistelligen Felder an den Preistafeln der Tankstellen für die Anzeige des aktuellen Benzinpreises nicht mehr ausreichen. tank und zank wird natürlich auch dann noch zur zunehmend gespannter werdenden Atmosphäre in den Tankstellen passen, aber treffender auf den Punkt brächte es dieser, dann finale Werbedoppler: tank und blank.

 

Schluss mit Stuss.