Archiv des Autors: stefankorol

Glosse: TV-Journalismus

(Übersicht alle Texte)

 

Pat Metheny – geht auch in 30 Sekunden

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie oft im Leben Dinge zusammenpassen und zusammenkommen. „Na ja“, werden nun die rational und strukturiert denkenden, mit der stark ausgeprägten linken Gehirnhälfte ausgestatteten Lebens-Analysten sagen, „es gibt keine Wahrheit, wir reimen uns zusammen, was nach unserer Wahrnehmung zusammengehört“. „Ja“, antworte ich, „im Prinzip stimme ich euch zu, aber manchmal ist es doch wirklich merkwürdig…“

Januar 2000, ein mehrwöchiger Aufenthalt in meiner Lieblingsstadt Los Angeles. Nachdenken über Journalismus. Nach 15 Jahren Fernsehen, vor allem Nachrichten und Magazine, also das, was man gemeinhin als Journalismus bezeichnet, bzw. das, was im Fernsehen noch vom Journalismus übrig geblieben ist und weiterhin übrig bleiben wird, scheint mir die Energie für eben dieses Metier auszugehen; Alternativen willkommen. Vielleicht doch noch einmal den Jugendtraum auf seine Umsetzung ins wirkliche Leben hin überprüfen? Musiker, Gesang und Gitarre. Im Guitar Center Hollywood, zu der Zeit das größte Musikgeschäft in den USA, gebe ich mich meinem Traum hin, spiele viele Gitarren im Geiste und einige, bezahlbare, in der Wirklichkeit an.

Dann holt mich die Gegenwart ein, genauer, die Fernseh-Gegenwart: Ein Fernsehteam baut Scheinwerfer und Kameras auf, Moderatorin, Kamerateam und Producer proben erste Interviews. Natürlich habe ich die Gitarren inzwischen zurückgestellt (im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinn…) und schaue den Kollegen zu. Ihren Gesprächen und den Probe-Interviews entnehme ich, dass es ein Team von Entertainment Television ist, das eine Dokumentation über den Jazz-Gitarristen Pat Metheny dreht und dazu ein Interview führen will. Geplant war offensichtlich ein Gespräch mit Geschäftsführer und Musikexperten von Guitar Center, der aber wohl kurzfristig abgesagt hat. Und so überredet das TV-Team, genauer die ebenfalls anwesende Moderatorin, kurzerhand einen Verkäufer das Interview zu geben. Und es ensteht eine Sternstunde des Fernsehjournalismus…

Moderatorin: Hi, Ich bin Sandy, von Entertainment TV .Wie heißt Du?
Joe: Hi, Ich bin Joe Beallami und verkaufe hier Gitarren.

Moderatorin: Hi Joe. Kennst Du Pat Metheny?
Joe: Ich bin ein Fan von ihm, er ist mein Vorbild.

Moderatorin: Klasse, dann weißt Du ja sicher eine Menge über ihn.
Joe: Das kann man wohl sagen.

Moderatorin: Okay Joe, für das Interview gleich haben wir zwei Fragen. Laß uns kurz darüber reden. Meine erste Frage wird sein: Welche Bedeutung hat Pat Metheny für die die Jazzmusik?
Joe (lächelt, froh etwas über diesen großen Musiker sagen zu dürfen): Huh, Pat Metheny war der erste, der seine Gitarre mit dem Hintern spielen konnte. das war phänomenal. Pat hat sich damals als Revolutionär gesehen, der die bis dahin übliche Musik einfach ignorierte, der in die Jazz-Musik völlig neue Elemente hineingebracht hat. Die Musiker um ihn herum waren fasziniert, obwohl es auch einige gab, die Methenys Form zunächst nicht verstehen konnten und ihn und seine Musik deswegen ablehnten.

Moderatorin: Das war schon sehr schön, vielleicht können wir das ganze noch ein bisschen kürzen. Aber laß uns zunächst über meine zweite Frage sprechen: Was braucht es denn, um so Gitarre spielen zu können wie Pat Metheny?
Joe: Pat ist ein begnadeter Musiker. Er hat Talent, natürlich. Aber das allein reicht nicht. Pat hat angefangen Gitarre zu spielen, als er sechs war, er ist mit der Gitarre aufgewachsen. Noten konnte er damals noch nicht; er schaute einfach den Musikern zu und spielte das nach, was er gesehen hatte. Pat lebt mit und für seine Musik. Und natürlich hat er geübt, geübt, geübt. Und auch wenn man Talent hat, gibt es Momente, wo man keine Lust hat, wo Musikmachen, wo´s eben Arbeit ist. Auch Pat Metheny kennt solche Momente.

Moderatorin (froh, dass Joe endlich fertig ist): Ja, Joe. Schön. Aber auch da müssen wir noch was wegnehmen.

Moderatorin und Joe stecken die Köpfe zusammen. Nach 10 Minuten scheint alles klar. Kamera ab, Ton läuft.

Moderatorin: Hi, wir sind hier im Guitar Center Hollywood, ein Laden, in den auch Pat Metheny gern kommt. Bei mir ist jetzt Joe Beallami, Verkäufer bei Guitar Center und Pat Metheny-Experte. Joe, welche Bedeutung hat Pat Metheny für die Jazzmusik?
Joe: Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass Pat Metheny die Jazzmusik ganz entscheidend beeinflusst hat.

Moderatorin: Was braucht es denn, um so Gitarre spielen zu können wie Pat Metheny?
Joe: Zum einen natürlich Talent, gehörig viel Talent. Aber das reicht nicht. Man muss üben, üben, üben.

Moderatorin: Vielen Dank, Joe. Liebe Zuschauer, dass war Joe Beallami aus dem Guitar Center Hollywood. Mehr über Pat Metheny und die Geschichte, wie seine Liebe zur Musik auf eine harte Probe gestellt wurde – gleich im zweiten Teil von Life and Music of Pat Metheny.

(Später, in der Sendung, kommt dann) Werbung.

Glosse: Die gute Rede

(Übersicht alle Texte)

 

Die gute Rede: Nicht mehr. Sondern weniger

Kaum jemand baut seine Möbel selbst. Stattdessen verdienen wir mit mehr oder weniger harter Arbeit mehr oder viel Geld und gehen, wenn wir zum Beispiel einen Schrank brauchen, in ein Möbelhaus. Für wenig Geld bekommen wir Durchschnitt; für viel Geld Besonderes. In jedem Fall einen, mehr oder weniger, hölzernen, großen, ansehbaren Behälter. Mit Türen, die sich leicht bewegen und sich schließen lassen, mit gut geleimten Ecken und Kanten. Eine senkrecht stehende Kiste, in die Hosen, Hemden und Sakkos passen. Mehr oder weniger.

Leider scheint diese Binsenweisheit, dass nicht alle alles können und auch nicht können müssen, nicht für alle Fertigkeiten zu gelten. Nehmen wir nur mal die Rede. Da reicht es offensichtlich aus, Experte zu sein. Nicht fürs Redenhalten, sondern für irgendwas. Experte zu sein für unseren Körper zum Beispiel. Oder für unseren PC. Oder für den Kampf gegen das Finanzamt. Und so sind Arzt, Informatiker oder Steuerberater gleichermaßen der festen Überzeugung, dass sie befähigt oder gar berechtigt sind, uns ihr Wissen in einer Rede kund zu tun. Dass das ein gravierender Irrtum ist, müssen wir täglich, oft leidvoll, miterleben: Auf Konferenzen, Kongressen, Seminaren. Überall stehen Menschen hinter einem Pult oder auf der Bühne und versuchen sich an einer Fertigkeit, die uns der liebe Gott leider nicht mitgegeben hat: Eine spannende, unterhaltsame Rede zu halten.

Der Mensch ist nicht geschaffen für langes Zuhören oder Reden. Über Jahrtausende haben unsere Vorfahren daran nicht gerüttelt – was zugegebener Maßen ein Leichtes war: Neandertaler, Jäger und Sammler wollten sich in ihren Höhlen und Zelten nach dem täglichen Kampf ums Überleben nicht langer Reden hingeben, sondern der Entspannung; zudem war die die Zahl der Grunz- und Schmatzlaute für einen längeren Monolog einfach nicht ausreichend.

Erst die Intelligenz, Eitelkeit und nicht zuletzt ein satter Bauch eines Platon und Sokrates verhalfen der Rede zu ihrem Aufstieg. Und weil auch die damaligen Zuhörer an der sie schnell überkommenden Müdigkeit merkten, dass gute Gedanken nicht zwangsläufig eine gute Rede mit sich bringen, stieg der Monolog gar zur Kunstform auf. So galt es in den besseren Kreisen von Athen fortan als schick, sich ebenso leidenschaftlich wie lustvoll auf Einleitung, These, Antithese, Conclusio und Schluss vorzubereiten.

Diese Blütezeit des kunstvollen Monologs, der geistigen Auseinandersetzung mit sich selbst in und vor Anwesenheit anderer dauerte bis ins Jahrhundert vor Christi – dann beendete die wohl berühmteste Kurzrede der Menschheit die Lust am Monolog: „Ich kam, sah und siegte“ kann sicherlich als erster Erfolg moderner PR-Arbeit angesehen werden, handelt es sich hierbei doch erstens um eine Kernbotschaft, die zweitens auch von jedem noch so PISA-gebeutelten Pennäler als Cäsar-Ausspruch zugeordnet werden kann. Der große Römer sah in langen Worten weniger Kraft als in seinen Legionen, und weil er sich mit dieser Haltung (und seinen Legionen) von Byzanz bis nach Portugal durchsetzen konnte, sanken Wert und Ansehen von Rede und Redner.

Es würde den Rahmen einer jeden Rede und auch eines jeden Textes sprengen, zu ergründen, inwieweit sich der Monolog in den Jahrtausenden eher als Folterinstrument oder Kunstform etabliert hat und welche Reden einen Glanz- oder eben auch Tiefpunkt in der nach-cäsarischen Zeit darstellen. So springen wir zu dem Zeitpunkt, als die Technik in die Rede eingegriffen hat – und das nicht unbedingt zur Erbauung des Publikums: Die deutsche Nachkriegs-Wirtschaft ließ uns nicht nur schwer arbeiten, sondern auch richtig Urlaub machen. Damit die Erholung auch über die Italien- oder Österreich-Zeit hinaus anhielt, gab man uns den Fotoapparat mit auf den Weg und den Diaprojektor ins Wohnzimmer. Dank dieser Gerätschaften konnten wir plötzlich Reden halten und damit Nachbarn, Verwandtschaft, Freunden erfreuen. Mehr oder weniger.

Inzwischen rollt seit Jahren die Angriffswelle, dem geistigen Monolog, der kunstvollen oder wenigstens unterhaltsamen Rede endgültig den Garaus zu machen: 2000 Jahre nach Caesar heißt der Angreifer Bill Gates und seine Waffe PowerPoint. Dieses Computerprogramm trägt die Hauptschuld daran, dass inzwischen jeder des Lesens und Sprechens Fähige glaubt, die Vortragssäle besetzen zu dürfen und uns, dank Laptop und Laserpointer, mit einer Rede beglücken zu können. Doch ebenso wie der Zwerg Alberich, der uns mit lächerlichen Tricks seine angebliche Zauberkunst vorgaukelte, kann auch Bill Gates aus einem Langweiler keinen Entertainer machen.

So ertragen wir, zum Schweigen, Zuhören und Leiden verurteilt, den Auftritt der Powerpoint- aber eben nicht Rede-Spezialisten und sinnen angesichts der überladenen, nicht enden wollenden Folien und des starren Leinwandblicks des Referenten auf Gegenwehr: Vielleicht können ja geballte Zuhörer-Rachegedanken die Beamer-Lampe zum Platzen, die Reihenfolge der Folien durcheinander oder am besten gleich den Laptop zum Absturz bringen. Die Folgen dieser kollektiven übersinnlichen Aktion wären, wovon wir gar nicht mehr zu träumen wagten: Nach einer Schrecksekunde würde der Redner sich berappeln und in seinem Kopf die wichtigsten Punkte zusammenfassen. Dann würde er sich uns zuwenden, diese Punkte nennen – und einfach mit uns reden.

Und plötzlich hätten wir, was eine gute Rede auszeichnet: Nicht mehr. Sondern weniger.

Interview: Kunst in L.A.

(Übersicht alle Texte)

 

Dr. Daniel Hess ist Kunsthistoriker am Germanischen Museum in Nürnberg. Für seine Forschungsarbeit nahm er 2017 eine Auszeit in einer Stadt, die nicht gerade als Hochburg der Kunst gilt: Los Angeles.

Dr. Daniel Hess auf dem Balkon des Getty-Forschungsinstituts in Los Angeles. Aber nur fürs Foto-Shooting, denn, so Hess: „Wegen der idealen Arbeitsbedingungen komme ich hier mehr zum Forschen als in Nürnberg“. Foto: Stefan Korol

 

Daniel Hess ist Sammlungsleiter am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Vorbereitung einer Ausstellung über die Kulturgeschichte von Davos. Das Thema ist die Gegensätzlichkeit, mit der Davos in Kunst und Literatur dargestellt wird. So haben im 19. Jahrhundert viele Künstler und Schriftsteller, die in dem damaligen Kurort Davos Heilung suchten, in ihren Werken ihre Sehnsüchte und Ängste ausgedrückt; die Zustände und das Leben dort wurden zu einem existentiellen Erlebnis: Davos war entweder Paradies oder Hölle. Die Ausstellung will zeigen, dass diese gegensätzliche Wahrnehmung von Davos bis in die heutige Zeit andauert. Hess forschte als Stipendiat der deutschen Künstlerresidenz Villa Aurora in Pacific Palisades.

Frage: Herr Dr. Hess, wir sitzen hier in einem fensterlosen Raum, mehr eine Zelle, vielleicht drei Quadratmeter groß. Wie fühlen Sie sich hier?
Hess: Großartig. Zum einen total abgeschottet von der Welt, aber so kann ich sehr konzentriert arbeiten. Ein paar Meter weiter ist ja der Balkon, hoch über der Stadt, mit dem Blick bis zum Pazifik. Da bin ich sofort draußen, da sind die Gedanken frei und fliegen übers Meer.

Frage: Unter anderem bereiten Sie hier eine Davos-Ausstellung vor, die im Germanischen Nationalmuseum laufen soll. Worum geht es in dieser Ausstellung?
Hess: Davos hatte schon immer den Nimbus eines Paradieses. Hoch in den Alpen, fernab der Welt, mitten in der Natur. Das versprach Wohlergehen, Heilung, Glück. Und ein Künstler hat Davos auch so dargestellt: Ernst Ludwig Kirchner, der Genesung und Frieden in Davos suchte und die Bergwelt in seinen Bildern entsprechend inszenierte. Für Thomas Mann ist Davos im Roman „Der Zauberberg“ dagegen zu einem Sinnbild für ein tiefkrankes Europa nach dem Ersten Weltkrieg geworden. In Davos suchten viele Lungenkranke Heilung und schwebten auf den Liegebalkonen zwischen Leben und Tod. Dies war und ist Davos, ein Paradies, ein existentieller Ort, ein kontroverser Ort bis heute. Diese Gegensätzlichkeit, diese Spannung – das ist das Thema der Ausstellung.

Frage: Wenn wir an Kunst denken, fällt uns Los Angeles wahrscheinlich eher nicht ein….
Hess: Ja, das stimmt. Aber auch wieder nicht. Denn erstens ist hier das Getty-Forschungsinstitut, das Größte seiner Art, weltweit. Mit einem für Wissenschaftler unglaublichen Service, der einem auf schnellstem Wege alle gewünschten Bücher auf den Tisch zaubert. In Deutschland müsste ich dafür nach Köln, Zürich oder sonst wohin fahren bzw. umständliche Fernleihen in Auftrag geben. Wenn ich hier mehr Material brauche, dann bestelle ich das – und zwei Stunden später kann ich damit arbeiten. Und zweitens: In LA ist die Nachfrage nach Kunst und damit auch nach Kunstexperten groß. Ich hatte zum Beispiel vor zwei Tagen ein Gespräch mit einem der größten Privatsammler zeitgenössischer Kunst hier in LA. Wir sind seine Sammlung durchgegangen, haben uns über die verschiedenen Epochen unterhalten, diskutiert. So bin ich der aktuellen Kunstszene hier begegnet, und beide Seiten profitierten enorm von dieser Begegnung. Aber das ist sicherlich ein Erlebnis, das der normale Besucher dieser Stadt nicht hat.

Frage: Wenn Sie die Möglichkeiten und Voraussetzungen für Forschung betrachten: Welche Unterschiede gibt es da zwischen Deutschland und Los Angeles?
Hess: Gut, da ist das Getty hier natürlich eine Ausnahme, es ist ein Forscher-Paradies, auch neben den Büchern, die hier alle zur Verfügung stehen: Die Architektur und die hilfsbereiten Menschen schaffen eine Atmosphäre des Wohlbefindens und der Konzentration. Es gibt überall kleine Lese- und Denkecken, Balkone, luftige Treppen, und einen Orangenhain. Und dazu blauer Himmel und dieser kilometerweite Blick. Das entspannt nach Stunden des Lesens und Schreibens und regt an. Natürlich gibt es auch hier einen musealen Alltag, eine Administration. Aber davon kriege ich nichts mit, für sechs Wochen kann ich mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren.

Standard-Arbeitsplatz: Ein vier Quadratmeter-Raum. Ohne Fenster, ohne Ablenkung. Nur Laptop, Licht, schnelles Internet. Fotos: Stefan Korol

Frage: Abgesehen von Ihrer Arbeit: Wie erleben Sie Los Angeles als „normaler“ Besucher?
Hess: Da sind zunächst viele Dinge, die mir fremd sind: Alles und jedes wird mit dem Auto erledigt, man geht nicht einen Meter zu Fuß. Die Stadt ist so riesig; egal wohin du willst, du fährst mindestens eine Stunde. Und stehst eine halbe davon im Stau. Auch gibt es kein Zentrum, so wie wir das kennen. Downtown? Kann sein, aber das ist nicht das, was wir als Zentrum verstehen. Die Fußgängerzone in Santa Monica? Schon eher, aber das ist bestenfalls eine Bummelmeile. Und dann, auf der anderen Seite: Eine faszinierende Landschaft. In zwei Stunden bin ich in der Mojave-Wüste. Eine Stunde später auf 3.500 Metern Höhe im Schnee. Und wieder zwei Stunden später am Pazifik oder ich stecke mit zehntausend anderen Autos im Stau auf dem Freeway. Diese landschaftliche Veränderung geht so wahnsinnig schnell, das ist sehr faszinierend.

 

Wenn die „Zelle“ mal zu eng ist: Hess hat nicht nur Zugang zu allen Werken der Getty-Bibliothek, sondern kann sich auch jedes Buch weltweit liefern lassen. Foto: Stefan Korol

Frage: Das klingt ja ähnlich gegensätzlich wie Davos. Sehen Sie da eine Parallele?
Hess: Absolut. Auch Kalifornien, vor allem Los Angeles galt und gilt als Paradies, hier suchten viele deutsche Schriftsteller und Künstler Zuflucht während des Naziregimes. Es gibt unvorstellbaren Luxus und schreiende Armut. Auch höre ich von ganz Vielen, die ich hier treffe, dass sie hier ihre lang gehegten Träume verwirklichen. Ob es klappt, ist eine andere Frage, aber sie glauben daran. Und das merke ich auch bei mir: Ich schöpfe hier Vertrauen und Mut, die Dinge einfach anzugehen, stärker an die Kraft der Ideen zu glauben. Ich fühle mich beflügelt: Wer hätte gedacht, dass die Davos-Ausstellung unter der kalifornischen Sonne so aufblüht!

 

Stefan Korol, Februar 2017 Los Angeles

Interview: Dr. Edwin Krupp

(Übersicht alle Texte)

 

„Ohne die Erkenntnisse der Astronomie könnten wir nicht überleben“
Interview mit Dr. Edwin C. Krupp, Direktor des Griffith Observatorium in Los Angeles

Stefan Korol, Februar 2017, Los Angeles

Erstaunlich, dass man bei so einem Ausblick aus dem Büro arbeiten kann… Foto: Stefan Korol

Frage: Herr Dr. Krupp, was genau ist das Griffith-Observatorium?

Krupp: Das Griffith Observatorium ist ein öffentliches Observatorium und kein Forschungs-Observatorium. Das Besondere daran: Es war von Anfang an ein öffentliches Observatorium, schon von der Idee her. Und es ist kein ehemaliges Forschungs-Observatorium, das jetzt für Besucher freigegeben ist. Ein Observatorium für die Öffentlichkeit, für Laien, für alle – das ist die Idee des Gründers gewesen, Colonel Griffith, der der Stadt Los Angeles vor rund 100 Jahren dieses Gelände hier und das Geld für den Bau des Observatoriums gespendet hat. Griffith war selber Laie, er hatte eine Menge Geld im Bergbau gemacht. Und irgendwann einmal hatte er Gelegenheit, auf dem Mount Wilson, ungefähr 20 Kilometer von hier, durch das damals größte Teleskop der Welt zu schauen. Und dieses Erlebnis hat ihn so fasziniert, dass er die Idee hatte, möglichst vielen Menschen eine solche Chance, ein solches Erlebnis zu ermöglichen.

Heute würden wir sagen, na ja, ist eine gute Idee und ziemlich verständlich. Aber zu Griffith Zeiten, Ende des 18. Jahrhunderts, war das revolutionär. Es ging Griffith aber um mehr, als nur um die reine Astromie. Er selber hatte erlebt, dass ihn der Blick durch das Teleskop in seinem Denken verändert hat. Und er war der Meinung, dass ein solcher Blick, eine solcher Weitblick über das Sichtbare hinaus auch andere Menschen und damit die Welt verändern würde.

Und das ist die Grundidee des Griffith, darauf basiert unsere gesamte Arbeit: Ja, wir zeigen auf, wie Erde, Sonne und Mond miteinander verbinden sind, wir erweitern den Horizont unserer Besucher durch den Blick in andere Universen. Aber vor allem wollen wir, dass diese Horizont-Erweiterung bei unseren Besuchern sich auf ihr Denken insgesamt auswirkt.

Dr. Edwin Krupp ist seit mehr als 30 Jahren Direktor des Griffith

Frage: Wenn Sie mich als Sponsor, als Geldgeber für das Griffith gewinnen wollen, mit welchen Argumenten würden Sie das versuchen?

Krupp: Zunächst einmal würde ich Ihnen sagen, dass Ihr Geld deswegen wichtig ist, weil es kein öffentliches Geld ist, kein Steuergeld, das von der Stadt Los Angeles kommt. Denn Griffith hat seine Spende an die Stadt an eine Bedingung geknüpft: Der Zugang zum neuen Observatorium muss immer kostenlos sein. Um diese Bedingung zu erfüllen, sind wir auf Spenden angewiesen. Das hat zu einem kritischen Moment geführt, Anfang 2000, als es einfach offensichtlich war, dass das Gebäude und seine Technik renoviert werden mussten. Die Stadt Los Angeles hätte diese Renovierung nicht allein zahlen können, also haben wir eine Art Privat-Public-Partnership entwickelt, durch die wir die erforderliche Summe, knapp 100 Millionen Euro, zusammen bekommen und das Observatorium von Grund auf erneuert haben. Wir bekommen inzwischen Unterstützung von sehr vielen Stellen: Staat, Stadt, Unternehmen, Stiftunge, Privatleute.

Und das zweite Argument, dass Sie mir Geld geben hat nichts mit mir, sondern mit Ihnen zu tun: Sie glauben an die Idee von Griffith; sie teilen seine Meinung, dass Menschen durch den Blick durch ein Teleskop ihren Horizont erweitern, dass sich ihre Einstellung und dass sich dadurch unsere Welt verändert.

 

Frage: Toll. Verraten Sie uns, wie Sie es schaffen, so viele Unterstützer zu gewinnen.

Krupp: Das ist in erster Linie nicht mein, nicht unser Verdienst. Es ist – dieser Platz hier. Dieser Ort hier ist Kult. Das Observatorium überblickt die gesamte Stadt und es ist fast von überall in Los Angeles aus zu sehen. Es ist ein Anker in dieser riesigen Stadt. Jeder liebt diesen Ort, jeder kümmert sich darum. Und jeder, der Geld gibt, fühlt sich ein bisschen als Eigentümer dieses Platzes. Aber nicht im Sinne von „besitzen“, sondern im Sinne von „kümmern“: Ich trage dazu bei, dass es diesen Platz und dieses Gefühl auch weiterhin gibt.

 

Frage: Wie sieht ihr pädagogisches Programm aus, was lehren Sie, was lernen die Besucher?

Krupp: Von: „Griffith steht im Studenplan“, also Schulklassen kommen her und Griffith ist Teil des Lehrplans. Bis:  Besucher verlassen diesen Platz reicher: Wissen, Meinung, Verständnis, offener. Aber ich möchte Ihre Frage noch ein bisschen erweitern: Wenn Sie mich fragen, warum soll ich Geld geben? könnte die nächste Frage ja lauten: Warum brauchen wir überhaupt die Astronomie? Und auch hier ist meine Antwort zweigteilt, aber der erste Teil ist kurz: Klar, Astronomie kann einfach nur schön sein, wir kennen und lieben alle diese eindrucksvollen Bilder vom Mond, vom Weltall. Aber viel wichtiger als diese Schönheit ist die Funktion von Astronomie: Sie lässt uns in die Vergangenheit gucken, sie gibt Antworten wo wir herkommen. Und gleichzeitig treibt sie unser Gehirn an, weil sie eben auch viele Fragen aufwirft, Fragen, auf die wir ohne die Astronomie nicht gekommen wären. Und um diese Fragen beantworten zu können, brauchen wir ein Werkzeug: Die möglichst genaue Beschreibung von dem was wir sehen. Und diese exakte Beschreibung der Natur ist eine Voraussetzung dafür, dass wir es überhaupt bis ins Jetzt geschafft haben. Wenn wir und nicht in einer exakten Art und Weise mit der Natur auseinandersetzen – würden wir nicht überleben.

 

Frage: Also, etwas übertrieben formuliert: Wenn ich das Griffith unterstütze – sichere ich mein Überleben?

Krupp: Absolut. Das sehe ich so, und ich sehe Ihre Frage auch gar nicht als Übertreibung. Wir leben zwar in einer sehr komplizierten Welt, aber wenn wir es mal puristisch sehen: Es geht um Kraft, es geht um Aufmerksamkeit. Das ist Natur, das sind die Dinge, die unser Überleben sichern. Und deswegen behaupte ich: Dieser Ort, dieses Gebäude könnte nicht überleben, wenn es nicht fürs Überleben der Menschen, unserer Besucher, nötig wäre.

 

Frage: Wissenschaft, aber auch Journalismus hat ja oft mit einem Konflikt zu kämpfen: Auf der einen Seite möglichst genau und vollständig zu sein, und auf der anderen Seite Wissen unterhaltsam zu vermitteln. Wie gehen Sie mit diesem Konflikt um?

Krupp: Ich sehe diese Konflikt nicht. Vielleicht weil es in meiner Kindheit diese Vielfallt an Medien und damit diese Unterscheidung noch nicht gab. Ich hatte Bücher. Und dann kamen Schallplatten. Meine erste Schallplatte war Perry Como: Catch a fallin star. Dann habe ich die ersten Science fiction Bücher gelesen, mit Zeichnungen aus und über die Zukunft. Und in allen diesen drei Fällen ging es um Wissen. Und ich habe diesen Prozeß der Wissen-Aneignung als unterhaltsam empfunden. Wir alle mögen Unterhaltung. Spiele, Geschichten. Wenn diese Dinge für uns nicht wären – würden wir sie nicht tun. Das regt unsere Fanatasie an. Natürlich: Wenn Sie forschen, dann geht das nur mit Exaktheit, mit Disziplin. Sonst bekommen Sie keine validen Ergebnisse. Handwerk, Kunst und Beharrlichkeit um zu einem Ergebnis zu kommen, mit dem wir als Team zufrieden sind. Und auch unsere Besucher.

 

Frage: Sie haben fast ihr gesamtes Leben diesem Observatorium gewidmet. Welche Art der Gegenleistung, welche Reaktionen von den Besuchern erwarten Sie, was macht Sie zufrieden?

Krupp: Ich bin da sehr vorsichtig mit persönlicher Betrachtung, weil es ja alles sehr subjektiv ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben hier eine Ausstellung, 50 Meter lang. Sie soll die Besucher im Wesentlichen durch das Observatorium führen. Mir geht es um das Publikum, um die Menschen die hierher kommen. Wenn ich sehe, dass sie sich angesprochen fühlen, dass sie in die Ausstellungen gehen, stehenbleiben, lesen, sich unterhalten – dann ist bin ich zufrieden.

 

Frage: Stellen Sie sich eine klare Wüstennacht vor. Sie schauen in den Himmel. Verstehen Sie, was Sie sehen, rational?

Krupp: Ja, rational verstehe ich das, ich kann mir alles erklären, was ich da sehe. Ich mache das ja seit Jahrzehnten. Ich kann zwar nicht alles sehen, aber ich kann es mir vorstellen, weil ich ja das nicht Sichtbare von meinen Blicken durchs Teleskop kenne, im Kopf habe. Aber dann wird es auch für mich schwierig, denn ich weiß ja, dass sich hinter dieser Galaxie noch eine weitere befindet, und dahinter noch eine, noch eine und immer noch eine. Das ist schon schwierig sich vorzustellen und zu verstehen. Oder die Tatsache, dass das gesamte Bild da oben – nicht die Realität ist. Denn was ich sehe, ist ja nur das Licht von Sternen. Die es aber in diesem Moment vielleicht schon gar nicht mehr gibt. Es sind, bildlich ausgedrückt, nur Ansichtskarten von Plätzen, die es aber vielleicht gar nicht mehr gibt. Ich sehe etwas, in diesem Moment, real. Und es ist nicht die Wahrheit, sondern es ist, astronomisch gesprochen, der Blick darauf, wie der Kosmos funktioniert. Und das ist dann die Grundfrage der Astronomie: Wie funktioniert das alles, wie hängt es zusammen? Und das sind Frage, die haben sich alle unsere Vorfahren gestellt, in jedem Zeitalter, in jeder Generation. Der Unterschied zu heute ist, dass wir auf diese Fragen mehr Antworten haben als früher. Aber auch hier müssen wir vorsichitg sein und sagen: Wir haben auf eine sehr eng fokussierte Frage eine Antwort. Die kann sich aber morgen schon als falsch erweisen. Wir dürfen nicht generalisieren, nichts als „endgültig beantwortet“ betrachten.

 

Frage: Passiert es auch, dass der Blick in den nächtlichen Sternenhimmel sie gefühlsmäßig davon trägt?

Krupp: Eher nicht. Ich habe hier im Observatorium schon als Student gearbeitet, im Planetarium. Und durch diese Arbeit, durch diese ständige Anwesenheit unter dem Sternenhimmel, auch wenn es nur ein künstlicher war, habe ich mich sehr daran gewöhnt. Und auch wenn der echte Sternenhimmel natürlich viel größer, ergreifender, lebendiger ist, bleibt dieser Gedanke: Okay, ich weiß genau, was ich hier sehe. Und dieses Wissen, seit Jahrzehnten in meinem Kopf verankert, kann ich eben nicht einfach abschütteln. Aber natürlich gibt es Erlebnisse, die mich auch emotional bewegen: Ich war in Botswana, im Okawango-Delta, in einem dieser Öko-Camps, und da bin ich abends noch einmal raus gegangen. Und, südliche Hemisphäre, der Große Wagen stand sehr tief am Himmel und spiegelte sich in einem der Flussarme. Es war absolut windstill und das Wasser spiegelglatt. Und ich sehe den großen Wagen – zwei Mal. Ich hatte noch nie gesehen, dass sich Sterne im Wasser spiegeln. Und, ja, dieser Anblick, dieses Erlebnis hat mich sehr berührt. Und ich hatte überhaupt nicht den Gedanken: Na ja, Lichter spiegeln sich im Wasser, ist doch logisch. Sondern ich stand da für Minuten, wie gebabbt, weil ich das zum ersten Mal erlebt habe, dass die Sterne die Erde berühren.

 

Frage: Der Film La La Land hat sechs Oscars abgeräumt; einige Szenen sind ja auch hier oben gedreht worden. Wäre es nicht an der Zeit, dass es auch mal einen Oscar gibt für den besten Drehort gibt – und das Griffith gleich den ersten gewinnt?

Krupp: Ja, gute Idee, Sie können das ja mal der Academy vorschlagen. La La Land setzt da ja eine Tradition fort. Seit „Denn sie wissen nicht was sie tun“, 1955, hat das Observatorium in mehr als einem Dutzend Film mitgespielt. Da könnte doch das Griffith doch vielleicht bei der nächsten Produktion als „Bester Nebendarsteller“ nominiert werden. Oder wenigstens einen Stern auf dem Hollywood Boulevard bekommen. Da würden unsere Sterne am Himmel dann wahrscheinlich ziemlich neidisch runtergucken.

 

Mehr Griffith-Fotos hier: http://stefankorol.de/la-observatorium

Glosse: Mein Zahnarzt baut

(Übersicht alle Texte)

 

Glosse: Mein Zahnarzt baut

Ich habe meinen Zahnarzt verloren. Über Jahre hatten wir ein wunderbares Verhältnis, eine wunderbare Geben-und-Nehmen-Beziehung: Ich mache den Mund auf, er sagt „alles in Ordnung“, wir plaudern über dies und das, er schickt eine kleine Rechnung, ich zahle. Was für eine Harmonie und Zufriedenheit. Dann – eines Tages: Ich sitze wieder in seinem Stuhl, ganz entspannt, ich brauche ja nichts zu befürchten. Mund auf, Zahnarzt rein. Der kommt gar nicht wieder raus. Schließlich ein langgezogenes „Oh jeh, oh jeh….“ Ich merke, wie mir erste Schweißperlen über die Stirn kullern. „Da müssen wir aber mal ran“, sagt er. „Da müssen wir aber mal richtig ran“. Ich bin überrascht, entsetzt, kann die Zahnwelt nicht mehr verstehen. „Aber Herr Doktor, ich komme doch seit Jahren. Sie haben immer gesagt, alles okay.“  Schweigen. Dann ein leicht mitleidiger Blick im Sinne von: „Ja ja, auf nichts ist mehr Verlass in heutigen Zeiten.“ Eindringlich weist er seine Sprechstundenhilfe an, fünf Termine mit mir zu machen. Fünf.

Ein paar Tage später treffe ich meinen Freund Erwin. Erwin kennt jeden. Und er weiß alles über jeden. Und so erfahre ich von Erwin – mein Zahnarzt baut. Was heißt: baut. Er klotzt. Ein Bunker. Drei Etagen. Rundum-Balkon. Dachterrasse. Garten. Ach was, Landschaften. Sagt Erwin. Da also liegt der Hase im Pfeffer, bzw. der Zahnarzt mir auf der Tasche. Und ich fing an, das zwar seit langem bekannte, aber bisher immer unverständliche Gemurmel während der Untersuchung zu übersetzen:
Zwei-vier-kariös: Marmorboden im Bad. Eins-drei-kariös: Carrara-Marmor, handgeschliffen. Zwei-zwei-Lücke. Krone oder Implantat. Swimmingpool. Und meistens kommt dann auch gleich: vier-drei-Doppellücke: Swimmingpool beheizt.

Aber, was will man machen. Zeigen Sie mir einen Zahnarzt, der nicht baut, der noch nicht im feudalen Eigenheim wohnt. Und der nicht in seinen beheizten Swimmingpool noch eine Gegenstromanlage einbauen will. eins-drei-Lücke. Oder der nicht seinen Pool auch noch überdachen will: zwei-vier-Lücke. Zahnärzte? Zahlärzte! Ich gebe demnächst eine Anzeige auf: Suche Zahnarzt, der zur Miete wohnt.

Meinung: Air Berlin

(Übersicht alle Texte)

 

Zur Pleite von Airberlin
Schön war es doch

Mallorca für 29 Euro – Leute, mal ehrlich, das ist doch logisch, dass das auf Dauer nicht funktionieren kann. Ja, sicher haben auch die Manager von Airberlin Fehler gemacht (ich bin kein BWL-er, kann das nicht beurteilen). Aber wenn ich es einfach mal logisch betrachte:

Wenn ein Produkt in der Herstellung überall gleich teuer ist (Flugzeuge) und die Betriebskosten identisch sind (Kerosin, Flughafengebühren etc.) dann bleibt einem Unternehmen nur noch eine Möglichkeit, Kosten zu sparen: beim Personal. Genau das hat Airberlin gemacht. Weniger Mitarbeiter als bei „teuren“ Airlines (die natürlich mehr arbeiten mussten) für weniger Geld, zu schlechteren Bedingungen. Nur deswegen konnten wir über die Jahre so billig fliegen. Wer aber viel arbeitet, unter schlechten Arbeitsbedingungen und dann auch noch wenig Geld kriegt – wird unzufrieden. Da brauchen wir doch nur an unsere eigenen Jobs zu denken. Und, schließlich: Ein Unternehmen, in dem die Leute dauerhaft und massenhaft unzufrieden sind, kann eben keine guten Produkte, keinen guten Service bieten und sich nicht dauerhaft am Markt halten.

Ein Wort noch zu uns, den (früheren Airberlin-) Passagieren: Ja, viele Dinge bei Airberlin waren schlecht, wir haben uns zu Recht geärgert und die Beschwerden und Häme im Netz waren sicher verständlich. Aber ist es nicht auch von uns ein bisschen naiv gewesen, den billigsten Flug zu buchen – und dann besten Service zu erwarten? Ich jedenfalls habe jetzt schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich mich über Service und Mitarbeiter von Airberlin aufgeregt habe. Und dass auch noch öffentlich. Denn wenn es so etwas wie „Opfer“ in dieser Situation gibt, dann sind es nicht wir, die Kunden. Sondern die Mitarbeiter von Airberlin.

Juni 2016, von Köln nach Berlin. Müsste die Elbe sein dort unten.

Glosse: Fly and Die

(Übersicht alle Texte)

 

Fly and Die

Das moderne Leben ist ein Zeitfresser. Beruf, Beziehung, Begräbnis (ich bitte diese Listung und Reihenfolge nicht kausal aufzufassen) sind schon lange auf die Sekunde durchgetaktet, die ehemals jeweils damit verknüpften Begriffe Selbstverwirklichung, entspannte Zweisamkeit und gefühlvolles Ausweinen kommen nur noch im Altenheim vor. Kein Wunder, dass auch unsere Sprache durchrationalisiert wird – wer hat denn noch Zeit, ganze und auch noch mehrere Sätze zu sprechen, geschweige denn, sie sich anzuhören.

Nun erfüllt aber Sprache, gar vielfältige, den Geist anregende und zuweilen deswegen auch anstrengende aber eine Funktion. Sie soll informieren, stimulieren, motivieren. Und so haben die doch ewig kreativen, vermutlich weil in Beruf, Beziehung und Begräbnis vom Zeitfresser zumindest bislang verschont gebliebenen Werbemenschen klammheimlich damit begonnen, lange Geschichten auf das Brutalste zu verkürzen.

Nehmen wir zum Beispiel den ehemals von Genuss geprägten Duty Free-Bummel vor dem  mit großer Spannung und Vorfreude erwarteten Interkontinental-Flug. Da schlenderte der Fluggast in spe durch das anregend drapierte und womöglich noch exklusive Angebot. Ein Genuss, diese dramaturgisch kunstvoll aufgebaute und sich langsam steigernde Vorfreude auf die Reise durch stratosphärische Höhen, der zu einem ersten Höhepunkt führte: Dem Kauf von zwei Flacons mit exquisitem Inhalt, natürlich zu einem überaus günstigen Airport-Preis. Es folgte eine kurze Entspannungsphase, um dann die wieder auf- und anregenden letzten Minuten bis zum Einstieg zu genießen. Dann kamen die Werbefuzzis und bescheren uns seither ein profanes fly and buy.

Oder denken wir an die romantischen und zu Tränen rührenden Geschichten von herzzerreißenden Situationen mobilen Lebens – die Abschiede an unseren Bahnhöfen. Tragödien, die ganz banal begonnen haben mit dem Kauf einer Fahrkarte, um dann in einem großen seelischen Schmerz zu enden. Auch davon ist nichts mehr geblieben – außer ebenfalls drei und ebenfalls fremdsprachlichen Worten: kiss and ride. Zu mehr als einem solchen profanen Aufruf per Schild hat sich die Deutsche Bahn zumindest an ihrem, doch immerhin milliardenteuren Hauptstadtbahnhof, nicht hinreißen lassen.

Keine Frage: Diese und andere Geschichten-Verkürzer haben sich durchgesetzt. Und, ich gestehe, nach einer Phase des Widerstands gegen diese Rationalisierung der deutschen Sprache, finde ich nun einen gewissen Gefallen an diesen Wort- und Werbedopplern, kurz WWDs (klingt das nicht klasse?). Und das zum, wie ich einschätze, genau richtigen Zeitpunkt, denn die Werbefuzzis scheinen sich anderen Sprach-Brutalitäten zugewendet zu haben; liegen doch die letzten bla-und-da-Neuerscheinungen schon eine Weile zurück. Gut, da gibt es einige aktuelle und selbst kreierte Versuche auf regionaler Ebene: Come in and druck out schreibt ein Copyshop in Kiel an seine Hauswand. Aber, erstens kein klassischer Werbedoppler, und zweitens ein wenig holprig klingend; der Mann sollte lieber weiterhin kopieren statt kreieren. Über diesen Tipp für den Kieler Drucker hinausgehend erlaube ich mir auf textlich fremden Pfaden zu wandeln und nachstehend selber einige Vorschläge für  lebensbejahende WWDs zu unterbreiten:

Meinen ersten Vorschlag möchte ich dem Verband deutscher Backwarenhersteller antragen. Einen solchen habe ich zwar nicht per Google überprüft, gehe aber von dessen Existenz aus, denn wenn zwei Menschen in Deutschland den gleichen Beruf, das gleiche Hobby oder die gleiche Macke haben, dann gibt es auch einen entsprechenden Verband. Wo immer also diese meine Zielgruppe sich aufhalten mag, hier meine Waffe, um die morgendlich-verschlafene Muffelstimmung im Bäckerladen zu bekämpfen: back und schnack. Ein lebenslustiger WWD, der nicht nur die, die verschnarcht-muffelig in der Schlange stehen, also die Kunden, frisch und knackig aus den Puschen haut. Sondern auch die dort Backtätigen, also die, die die (da bin ich von der belebenden Wirkung dieser Wortkreation gleich beeindruckt: ein dreifach die) vorgefertigten Fabrikbrötchen absolut art- und handwerksgerecht in die automatischen Öfen schieben und durch den leckeren Duft den Eindruck einer meisterlichen Bäckerarbeit mit mindestens 30-jähriger Berufserfahrung erwecken.

Ein WWD, speziell für Fußballer, aber nach meiner Einschätzung nicht zwingend notwendig, weil er nicht wirklich neue Gewohnheiten mit sich bringt, der aber das Gewohnte in neuer Lust und Leidenschaft erleben lässt, wäre kick and fick. Aber, wie gesagt, es würde mich überraschen wenn ich damit allzu viele Ballzauberer auf eine neue Idee der post- ballerischen Phase brächte. Und wo wir beim Thema sind: Das Beziehungsverhalten männlicher, und hier vor allem junger und auch sportlich ambitionierter Singles gegenüber dem zunächst willigen, dann hoffenden und schließlich enttäuschten und verständnislosen weiblichen Geschlecht, bislang mit einem inzwischen altbacken klingenden ex und hopp, ließe sich mit einem modernen fun and run zu einem hippen Trend erklären und vielleicht sogar rechtfertigen.

Die Lufthansa könnte mit einem knackigen Werbedoppler an ihrem inzwischen vielleicht doch ebenfalls etwas verstaubten Image arbeiten: fly and die erweckt den Eindruck, als könne ein an sich simpler und langweiliger Flug von Hamburg nach München ein überraschendes, vorzeitiges und vielleicht gar abenteuerliches Ende in der Rheinischen Tiefebene finden.

Auch am Boden helfen kreative Wortpaare dem stupiden Reisealltag auf die Sprünge. Das inzwischen auf das Sortiment eines Kaufhauses angewachsene Warenangebot bundesdeutscher Tankstellen könnte dank eines auffordernden tank und zank zu spontanen Beziehungs- und Familiendramen führen: Er will los, sie hängt aber noch am Schuhregal; der Junior weigert sich, die Weiterfahrt im urlaubsbeladenen Kleinwagen ohne das gerade zum sensationellen Tiefpreis angebotene Mountainbike anzutreten.

Allerdings sollte der Ehrlichkeit darauf hingewiesen werden, dass tank und zank erstens schnell eingeführt werden sollte und zweitens selbst dann ein kurzes Verfallsdatum hätte; ist es doch nur noch eine Frage der Zeit, bis die dreistelligen Felder an den Preistafeln der Tankstellen für die Anzeige des aktuellen Benzinpreises nicht mehr ausreichen. tank und zank wird natürlich auch dann noch zur zunehmend gespannter werdenden Atmosphäre in den Tankstellen passen, aber treffender auf den Punkt brächte es dieser, dann finale Werbedoppler: tank und blank.

 

Schluss mit Stuss.

Bericht: Hollister. Ort.

(Übersicht alle Texte)

„Hollister“? klar, ist doch…. Ja. Aber Hollister steht auch für den Beginn der Biker-Szene: 1947 gingen in der kalifornischen Kleinstadt zum ersten Mal in den USA Biker und Polizisten aufeinander los. Straßenkämpfe. Der Beginn der Biker-Kultur.

Man muss schon ein bisschen suchen, bis man in Hollister auf die Erinnerungen des legendären Rockertreffens stößt. Die Stadt mit ihren rund 40.000 Einwohnern, rund 150 Kilometer südlich von San Francisco gelegen, döst in der Sommersonne friedlich vor sich hin, und wenn mal eine Harley durch diese Ruhe donnert, dann hat das nichts mit diesem Ort zu tun – das ist eben Standard in Kalifornien. Und doch lebt die Erinnerung an die Rocker-Zeit bis heute weiter: In Johnnys Bar. Als Papp-Rocker lädt Marlon Brando vor dem Eingang ein, innen ein diffuser Mix aus Sonnen- und Lampenlicht.

„Johnnys Bar“. Dieser Ort sieht sich als Heimat der Rocker; innen erzählen Fotos, Zeitungsausschnitte die Biker-Geschichte.

Ein langer Tresen, hinter dem Teresa, die Besitzerin von Johnnys Bar, die jetzt, gegen 12 Uhr Mittags, nur wenigen Gäste versorgt. „Ja ja, das muss wohl ziemlich heftig gewesen sein, damals,“ sagt sie und verweist stolz auf die Erinnerungstafeln und –fotos an der Wand. Drei Tage ging das Treffen, die Biker fuhren kleine Rennen, hatten ihren Spaß. Aber einige der rund 4000 Biker tranken doch das ein oder andere Bier zuviel, vergriffen sich an Wirt und Mobilar und zettelten eine Massenschlägerei an. Die nur wenigen Polizisten in der Stadt konnten da wenig machen und riefen die Nationalgarde. Und kurze Zeit später war Hollister im Ausnahmezustand; Armee und Polizei ging mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Schläger und Betrunkene vor. Am dritten Tag sausten die Rocker ab – und Hollister hatte sich als Stadt in die Geschichtsbücher eingetragen.

1953 verewigte Hollywood die Ereignisse im Film „The Wild One“, und der Streifen brachte dem Hauptdarsteller Marlon Brando das Rocker-Image und führte in vielen Ländern zur Halbstarken-Szene. Hollister hat sich mit den Bikern schon lange ausgesöhnt, denn nach wie vor findet hier jedes Jahr eines der größten Bikertreffen statt: freundlich, friedlich, familiär. Und wieso das Textilunternehmen Abercrombie&Fitch seine Modemarke ausgerechnet nach Hollister benannt hat ist unklar, das Unternehmen steht Presseanfragen generell sehr reserviert gegenüber, und auch auf diese Frage gab es keine Antwort.

(Wird aktualisert und fortgesetzt)